Unwort des Jahres

Unwort

Ja, das ist ernsthaft mein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2020: „systemrelevant“. Kurzbegründung: „systemrelevant“ ist das (Tot-)Schlagwort derer, die zu faul und vor allem zu systemimmanent verfangen sind, um über das gegebene System nach- und darüber hinaus zu denken. „Systemrelevant“ ist das Pendant zu „alternativlos“.

Freilich, innerhalb eines privatisierten Gesundheitssystems, in dem in Deutschland eine Pflegekraft auf zehn Patienten kommt – zumindest im rechnerischen „Idealfall“ – sind Pflegekräfte systemrelevant, weil das ganze System am Rande des Zusammenbruchs steht. Stellt man sich aber gedanklich neben das aktuelle System und geht von einem am Menschen ausgerichteten Gesundheitssystem aus, dann ist das Berufsfeld Pflegekraft heutzutage ein beschämendes Beispiel dafür, was aus dem Menschen wird, wenn er innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik zum bloßen Kostenfaktor wird. Fraglos wären Pflegekräfte auch ein einem alternativ gedachten Gesundheitssystem weiterhin systemrelevant. Allerdings wäre das dann eine Selbstverständlichkeit und müsst nicht mehr derart betont werden. Das momentan überall angestimmte Lied von der Systemrelevanz ist nichts anderes als das sprichwörtliche Pfeifen im Wald alleine aus Angst, dass das aktuelle System zusammenbrechen könnte.

Heutzutage systemrelevant sind Kindertagesstätten und Schulen vor allem, weil sie die Kinder in das aktuelle Verwertungs- und Konkurrenzsystem hinein sozialisieren und zugleich den Eltern ermöglichen sollen, systemrelevant innerhalb dieses Systems Mehrwert im kapitalistischen Sinne zu produzieren. Innerhalb dieser sich zunehmend als irrig herausstellenden Logik sind sogar die Autoindustrie und Schlachthöfe systemrelevant. Leider ist, ebenfalls mal kurz abseits dieser Logik gedacht, vieles im Gegenteil eben nicht systemrelevant, sondern systemzerstörend im Hinblick auf z.B.: Ökologie, Todesstatistiken, verödende Innenstädte, eine desaströse Lebensmittelindustrie, Fehlernährung, gesellschaftliche Entsolidarisierung, Hetze und Rassismus, ganz zu schweigen von globaler Ungleichheit. Das bestehende System ist schlichtweg ein faulender Stamm, und Systemrelevanz innerhalb dieses Systems dementsprechend in erster Linie ein Fäulnisbeschleuniger.

Würde „Systemrelevanz“ ein grundlegend relevantes Denken meinen, käme dies einem radikalen Umdenken gleich, weil nicht mehr vom Kapital, sondern vom Menschen aus gedacht werden müsste. Zuerst müsste nämlich gefragt werden, wozu all das, womit die Menschen ihre tägliche Zeit verbringen, eigentlich gut sein soll, welchen Sinn die Produktion von Gütern grundsätzlich hat. Die Antwort könnte nur lauten, dass es in einem ganzheitlichen Sinne systemrelevant wäre, die Ökonomie an der Ökologie und am Menschen auszurichten. Wirkmächtig systemrelevant wäre es dann, an erster Stelle umgehend die Umverteilung von Unten nach Oben zu stoppen und für Steuergerechtigkeit zu sorgen, indem bislang zwar legale, aber letztlich illegitime Steuervermeidungstricks unterbunden werden. Um reales Geld zu generieren, das dem gesamtgesellschaftlichen System von der Geburt und der darauf folgenden Bildung bis hin zum Gesundheitssystem und einem menschenwürdigen Sterben zugute käme, also einem Sozialleben, in dem die Würde des Menschen tatsächlich im Vordergrund stünde.

Wenn wir so weit sind, werde ich „systemrelevant“ als Wort des Jahres vorschlagen.

Ein Nachtrag

Rauchende Köpfe

Die Reaktionen auf meinen ersten Einwurf zum Thema Corona waren überwältigend. Sehr viel Zustimmung, Dankeschön dafür! Aber auch einige kritische Stimmen; ein ebenso großes Dankeschön dafür, denn diese schärfen den Blick auf bis dahin blinde Flecken im eigenen Denken. Der besonders schöne Nebeneffekt: Plötzlich ergab sich wieder ein Kontakt zu Menschen, die ich oder die mich im Lauf der Jahre aus den Augen verloren hatte/n. Und es wurde der Wunsch geäußert, ganz grundsätzlich öfters miteinander zu sprechen, direkt miteinander zu kommunizieren – wenngleich sich das in der aktuellen Situation schwierig gestaltet, jedenfalls über die Telekommunikation hinaus. Aber alleine der Wunsch ist ja ein Anfang.

Dieser Eintrag soll dazu dienen, eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, die ich meine in den eher kritischen Rückmeldungen durchscheinen zu sehen.

Hier ein Screenshot der Süddeutschen Zeitung online, darin zu sehen ein Artikel, der die ersten Studien zu den psychosozialen Folgen der Corona-Isolation zum Inhalt hat.

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Genau darauf basiert ein Teil meiner Kritik. Ich bin keinesfalls naturwissenschaftsskeptisch, schätze beispielsweise wie viele die fundierten und besonnenen Einschätzungen von Christian Drosten sehr. Skeptisch sehe ich hingegen die Prioritätensetzung, plakativ gesagt: Zuerst kommt die Naturwissenschaft, dann Ökonomie und Recht, dann lange gar nichts, und dann langsam Soziologie, Psychologie und möglicherweise sogar Geisteswissenschaften. Da wird mir mulmig bei.

Im Screenshot rechts daneben einer dieser Artikel, die mich zu meinem kleinen Ausfall gegen „verlogene Aufrufe zur Corona-Solidarität“ verleiteten. Selbstverständlich ist mir die gelebte Solidarität ein sehr wichtiges, nicht zu überschätzendes Gut. Und selbstverständlich stelle ich gegenseitige Rücksichtnahme zum eigenen Schutz und dem der anderen und ein dementsprechendes verantwortungsvolles Verhalten in keinster Weise in Abrede. Mein Einwurf bewegt sich jedoch im Rahmen einer medialen und politischen Kritik. Altväterlich wird da plötzlich zur Solidarität mit den Alten und Schwachen gemahnt (und ich betone nochmals: freilich nicht unberechtigt). Wenn sich hingegen eine junge Generation um ihre Zukunft sorgt, wie etwa „Fridays for Future“, dann wird leider sehr oft völlig unsolidarisch von kleinen Dummchen und Hysteriker*innen geredet, die doch bitteschön weiterhin brav ihre Hausaufgaben machen sollten. Ich meine gewisse Widersprüche zu erkennen, womöglich gar die Vertiefung eines Generationskonflikts, mit dem leider keiner Seite gedient ist.

Und als letztes: Ich nehme die Corona-Gefahr ernst, sehr ernst. Und erst recht, seit ich als eine der Antwortmails die eines Arztes bekam, der in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeitet und der mich darin auf ein mir bis dato unbekanntes Dokument aus vom Januar 2013 aufmerksam macht, mit dem Kommentar: „Dort wird z.B. der voraussichtliche Mangel an Schutzausrüstungen für Ärzte und Pflegekräfte, der Mangel an Krankenhausbetten etc. detailliert beschrieben. Es wurde viele Jahre nichts, überhaupt nichts vorbereitet!“

Das besagte Dokument ist völlig unkonspirativ abrufbar im Dokumentations- und Informationssystem (DIP) des Deutschen Bundestags und trägt den Titel „Unterrichtung durch die Bundesregierung. Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ (Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Drucksache 17/12051 vom 3.1.2013). Darin wird u.a. ausführlich die Gefahr einer Pandemie in Deutschland durch einen modifizierten SARS-Virus durchgespielt (Kapitel 2.3, S. 5/6 und Anhang 4 ab S. 55: „Risikoanalyse Bevölkerungsschutz Bund. Pandemie durch Virus ‚Modi-SARS‘, Stand: 10.12.2012“). Diese „wurde unter fachlicher Federführung des Robert Koch-Instituts und Mitwirkung weiterer Bundesbehörden durchgeführt.“ (S. 5) Und sie liest sich wie das Drehbuch zu dem, was wir aktuell erleben müssen.

Auf Seite 56 ist zu lesen: „Eintrittswahrscheinlichkeit: Klasse C: bedingt wahrscheinlich / ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt“. Im Haupttext (S. 12) wird jedoch gewarnt: „Zwar sind die entsprechenden Eintrittswahrscheinlichkeiten für solche Ereignisse deutlich geringer, doch ist ihr Eintreten gleichwohl jederzeit möglich, wie es das katastrophale Ereignis von Fukushima eindrücklich belegt hat.“ Auf S. 65 ist vermerkt: „Die enorme Anzahl Infizierter, deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie hospitalisiert sein sollten bzw. im Krankenhaus intensivmedizinische Betreuung benötigen würden, übersteigt die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches (siehe Abschnitt KRITIS, Sektor Gesundheit, medizinische Versorgung). Dies erfordert umfassende Sichtung (Triage) und Entscheidungen, wer noch in eine Klinik aufgenommen werden und dort behandelt werden kann und bei wem dies nicht mehr möglich ist. Als Konsequenz werden viele der Personen, die nicht behandelt werden können, versterben.“ Diesem Absatz zugeordnet ist Anmerkung 7: „Bisher gibt es keine Richtlinien, wie mit einem Massenanfall von Infizierten bei einer Pandemie umgegangen werden kann. Diese Problematik erfordert komplexe medizinische, aber auch ethische Überlegungen und sollte möglichst nicht erst in einer besonderen Krisensituation betrachtet werden.“ Und auf S. 62 findet sich eine angenommene Verlaufskurve, die gewisse Ähnlichkeiten hat mit der, ich nenne es mal: „Sendung mit der Maus“-Version, die allgemein aus den Medien bekannt sein sollte. Also die mit dem steilen Berg, der die Belastungsgrenze des Gesundheitssystem überragt, und dem gemütlichen Hügel, der darunter bleibt. Aber eben auch deutliche Unterschiede.

So, und da werde ich wütend. Denn was ist die letzten Jahre im Gesundheitswesen tatsächlich geschehen? Der Umbau eines Systems, dass dem Menschen dienen sollte, zu einem System, das Gewinne erzielen muss. Vorangetrieben oder zumindest geduldet von den Herren, die nun den staatsmännischen Krisenmanager und sich besorgt geben, dass das Gesundheitswesens zusammenbrechen könnte. Ein Gesundheitswesen, das bis zur Unerträglichkeit Menschen auspresst, die nur noch als lästiger Kostenfaktor gelten, und in dem kleinere, „unrentable“ Kliniken, oft in ländlichen Gegenden, geschlossen werden. Ein Gesundheitswesen, das eigentlich bereits zusammengebrochen ist. Während ich dies schreibe, erscheint in der taz online, 22.03.2020 der Artikel „Kurzarbeit im Krankenhaus?“, in dem die Schön-Klinik-Sprecherin Astrid Reining (Hamburg) zitiert wird: „Viele Krankenhäuser stehen angesichts der derzeitigen Lage vor großen finanziellen Herausforderungen und geraten in Liquiditätsengpässe.“ Oh ja, es werden noch sehr viele unangenehme und unbequeme Diskussionen zu führen sein.

Aber wie immer gibt es die kleinen Momente der Hoffnung. So vermerkt der Bericht auf S. 79: „Im vorliegenden Szenario wird davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich solidarisch verhält und versucht, die Auswirkungen des Ereignisses durch gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme zu verringern. Ähnlich solidarische Verhaltensweisen wurden vielfach bei anderen Extremsituationen beobachtet.“ In diesem Sinne also: Bleibt achtsam UND solidarisch. Ach ja, und denkt über eure Handy-Mobilität nach.

Hier eine PDF meiner beiden bisherigen Texte zum Thema Corona in zusammengefasster und leicht überarbeiteter Version: Markus_Baumgart_Corona_toetet_Kultur_200326

Corona tötet Kultur. Ein Appell zu anderer Achtsamkeit

Kulturtod

Sorry, aber ich muss mal eben in die Suppe spucken. Ja, das Folgende ist eine völlig subjektive, unausgewogene, einseitige, trotzige, nicht alle Seiten von vorne bis hinten abwägende Polemik, die sich somit voll in die Nesseln setzt. Der Narr bezieht jedoch gerne die Prügel für die Botschaft, Hauptsache es wird sich mit ihr auseinandergesetzt. Sich in einen Corona-Angst-Kokon und ganz im Privaten einzunisten, nur weil ein Teil der Gedanken verunsichern könnte, das geht auf Dauer nämlich nicht gut. Und nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, sondern versuche, einfach nur mit kulturwissenschaftlichem Blick zu beobachten.

Und das, was ich auf dieser Basis befürchte, ist eine Katastrophe, die weit über die Corona-Pandemie hinausreicht. Nämlich die Abschaffung jedes demokratischen, kulturellen und insbesondere links-alternativen, subkulturellen Denkens, Handelns und Wirkens. Diese Destruktion ist vermutlich gar nicht primär geplant, also in Form einer Verschwörung, weil das auf Hegemonie basierende kapitalistische System eine solche überhaupt nicht mehr nötig hat. Sondern ganz einfach ein willkommener Kollateralschaden, sprich: ein Kollateralgewinn im Sinne der Hegemonialmacht, für die es ein Denken abseits der eingeschliffenen Seilschaften nicht mehr gibt und geben darf. Corona ist der zur Realität gewordene Traum aller Rechtspopulisten und neoliberalen Ideologen. Einfach mal alle Läden und kulturellen Einrichtungen über Wochen schließen – na, wer wird denn da wohl der große Verlierer sein? Freilich all die kleinen Kultureinrichtungen (und damit meine ich auch alternative Clubs, Ateliers, Buchhandlungen, Plattenläden, Second-Hand-Shops etc.), die von wenigen Aktivist*innen oder gar Einzelpersonen getragen werden und gerade deshalb oft Orte devianten, widerspenstigen Denkens sind. Und finanziell sowieso auf Kante genäht. Wird dementsprechend am Ende nur gerettet, was im Sinne des totalen Kapitalismus systemrelevant ist, werden solche Orte schlichtweg durch Passivität abgeschafft. Neue Gesetze, durchschaubare Etatkürzungen und Polizeieinsätze sind nicht mehr nötig, sie werden stillschweigend nebenbei ausgeblutet.

Dafür kann die Polizei nun in Parks und auf Spielplätzen einsetzt werden, um den Kindern und Jugendlichen, die sich dort entgegen allen Anweisungen anarchistisch zusammenrotten, von Anfang an beizubringen, was Sache ist, wer das Sagen hat. Eindrücklich erschreckende Bilder sind das, die die Berichte in der „bürgerlichen Presse“ teilweise begleiten. So erschreckend wie die tendenziell gleiche Ausrichtung dieser Medienberichte. Nein, damit will ich nicht in das Horn populistischer Medienschelte blasen. Aber ist es nicht furchtbar, welche Zeichen da zum einen gesetzt werden, zum anderen, wie wenig Widerspruch laut wird? Grundtenor ist: Also wenn die Menschen so unvernünftig sind, dann können ja nur noch Ausgangssperren verhängt werden. Kaum ein kritischer Gedanke irgendwo, Führer*innen-Hörigkeit aller Orten. Gegenstimmen, ein kritisches Abwägen, eine ernsthafte Diskussion? Fehlanzeige. Corona, deutsch: die Krone, herrscht und droht unhinterfragt.

Und die praktische Seite: nebulös. Gesetzt ist, die Kinder zu Hause zu behalten, dazuhin empfohlen ist Homeoffice, und nebenbei der Online-Unterricht der Schulkinder. Perfekt, kein Problem. Selbstverständlich arbeiten wir konzentriert in einer Zwei-Zimmer-Wohnung via Homeoffice während wir ein zweijähriges Kind betreuen, auch wenn mit einem solchen kaum ein ordentliches Telefonat alleine mit Freund*innen zu führen ist. Und selbstverständlich kann unser Internet jederzeit und überall gleichzeitig Homeoffice und eine Online-Lern-Plattform für alle bewältigen. Und selbstverständlich leben alle Kinder in einem sozialen Umfeld, in dem sie die bestmögliche elterliche Betreuung bekommen. Egal, irgendwie prügeln wir das Wissen und die Systemkonformität schon in sie rein. Aber ob das der sogenannten Herdenimmunität auch in virologischer Hinsicht nachhaltig und langfristig dient?

Ich bin entsetzt und fürchte das Schlimmste. Jedoch nicht wegen des Virus, der zumindest hinbekommen hat, was die Linke schon lange nicht mehr geschafft hat: Wenn dein starker Arm es will, stehen alle Räder still. (Voraussichtlich leider wenig nachhaltig im Hinblick auf Arbeitsrechte, einen weltweiten Grundlohn, Ökologie usw. etc.) Sondern wegen einer weiteren Zerstörung der Menschen- und Bürgerrechte, eines alternativen politischen, intellektuellen und vor allem grundsätzlich humanistischen Standpunkts, der vom Menschen ausgeht und nicht vom System, und somit des wirklichen sozialen Zusammenlebens – insbesondere in diesem Punkt bin ich gerne bereit, diese m.E. teils unglaublich verlogenen Aufrufe zur Corona-Solidarität zu diskutieren, z.B. bei Betrachtung der medialen Darstellung von „Fridays for Future“ als quasi demographisch kongruentem Gegenstück.

Aber: Zugleich ist das eine große Chance für einen alternativen Entwurf wirklicher, gelebter Solidarität und kultureller Pluralität. So oft meine ich sie wahrgenommen zu haben und wahrzunehmen, diese Resignation vieler kluger Menschen innerhalb des Kulturbetrieb, die mit ihrem Tun nichts anderes wollen, als einen positiven Impuls zurück in die Gesellschaft zu geben. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so, die ökonomischen Zwänge, und mach nur einen Plan und sei ein helles Licht… Kann das, soll das das letzte Wort gewesen sein? Wollen wir wirklich allen, die hämisch darauf lauern, gar aktiv dazu beitragen, dass sich jede kritische Alternativkultur atomisiert, das letzte Wort überlassen? Nein, das kann es doch wohl nicht gewesen sein. Also: Achtet nicht nur auf eure Gesundheit, seid bitte auch besonders aufmerksam im Hinblick auf unsere Kultur- und Zivilgesellschaft. Gerade weil es für deren Rettung wohl noch nicht mal einen Plan gibt, die Diskussion darüber deshalb umso notwendiger ist.

Und hier noch ein Buchtipp zur aktuellen Situation: Haus Bartleby (Hg.): Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik, Edition Nautilus, Hamburg 2015

Und der Text als PDF: Markus_Baumgart_Corona_toetet_Kultur

Deutschlands Erregungsöffentlichkeit

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(Parental Advisory: Folgender Text kann polemische Verkürzungen enthalten.)

Na, das war doch mal wieder mal wieder eine Steilvorlage für die deutsche Erregungsöffentlichkeit: die von Deutschlands Ober-Welterklärer Günther Jauch angezettelte „Stinkefinger-Affäre“. Als erstklassiger Gastgeber schiebt man mal eben dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, völlig respektlos, eine komplett aus dem Kontext gerissene, verkürzte Filmsequenz unter und will damit belegen, dass…äh, ja was eigentlich?

Diese Provokation ist so billig, dass man darüber lachen könnte – wäre sie ein Einzelfall und nicht eben genau dem Muster entsprechend, wie die Mainstream-Medien versuchen, die Alexis Tsipras-Regierung seit deren Wahlsieg als ein Haufen halbstarker, pubertierender Lümmel darzustellen. Und ganz in diesem Sinne stellt sich Deutschlands Über-Ökonom Wolfgang „Die Schwarze Null“ Schäuble permanent hin und schreit: „Ich bin Euer Vater! Und ich treibe Euch die Flausen schon noch aus! Und sei es dadurch, dass ich Euch das Taschengeld kürze!“ (Ich muss bei dem Begriff „Schwarze Null“ ja immer lächeln. So neu ist die ja gar nicht. Im Gegenteil, sie regiert seit nunmehr einigen Jahren dieses Land…) Warum nehmen sich eigentlich nicht ein paar seriöse Familientherapeuten diesen Kommunikationsstrukturen, die da zu beobachten sind, in einer fundierten Studie an? Das Ergebnis wäre sicherlich interessant zu lesen.

So, und dieser Yanis Varoufakis hat nun also angeblich Deutschland den Stinkefinger gezeigt. Also uns, dem Sommermärchen- und Copacabana-Weltmeister Deutschland mit dementsprechend breiter Nationalitätsstolzbrust. Bestimmt wollte dieser ungezogene Lausbub damit nebenbei höhnisch andeuten, dass Griechenland 2004 die Europameisterschaft gewonnen hat. Ha, nimm das, Varoufakis: Das war nur möglich wegen eines teutschen Trainers, Sucker!

Ach so, nee, der Stinkefinger war ja gar nicht echt. Also jedenfalls vielleicht nicht. – Alles egal, wenn er in Jauchs Wort zum Sonntag auftaucht, dann wird schon was dran sein. Und dann entblöden sich einige Journalisten tatsächlich nicht, anstatt über die Manipulationsmechanismen der Medien nachzudenken, Varoufakis indirekt den Rücktritt nahezulegen. Denn wenn der dann spontan – und mit einigem Recht, je nachdem, in welchem Sinne man diese Bemerkung deutet – anmerkt, es handle sich um eine Fälschung, wird gleich die ganz große Moralkeule rausgeholt: Eigentlich müsse er wissen, dass eine solche „Falschaussage“ schon so manchen Minister den Job gekostet habe usw. etc.

Und spätestens an dieser Stelle frage ich mich dann, woher diese große, breit angelegt Angst vor Tsipras und Varoufakis kommt. Mein Verdacht:

Erstens ein völliges Unverständnis darüber, dass es eine Regierung tatsächlich wagt, zu ihren Wahlversprechen zu stehen, im eigenen Land wieder eine Solidargemeinschaft zu verwirklichen. So etwas kennt man in Deutschland schließlich seit Jahren nicht mehr. Beliebte Argumentationsmuster dabei: „Griechenland widersetzt sich der Austeritätspolitik der Troika!“ Alleine diese Begrifflichkeit: alles so schön royal hier…* Übersetzt also: „Was quatscht Ihr hier von sozialer Katastrophe, die von uns vorgegebene Sparpolitik ist heilig und gottgegeben und dient alternativlos dem System.“ Alternativ dazu: „Griechenland endlich auf dem Boden der Tatschen angekommen!“ Übersetzt: „Gute Aussichten, dass weiter hemmungslos privatisiert werden kann, sei das ökonomisch auch noch so kurzsichtig gedacht und in der Summe unsinnig. Wenn interessiert’s? Kriegsgewinnler gab’s schon immer.“ Anders zu denken haben inzwischen offensichtlich viele schlichtweg verlernt.

Und zweitens die noch fundamentalere Angst, dass die neue griechische Regierung tatsächlich Erfolg haben könnte – und sich damit zeigen würde, dass es gar nicht notwendig ist, diese ganze unappetitliche, neoliberale Suppe, die uns da seit Jahren eingeflößt wird, zu schlucken. Diese Angst ist es ja auch, weshalb linke Bewegungen und alternative Denkmodelle in vielen Medien permanent und zunehmend diffamiert werden, als sei eine neue Morgenröte der McCarthy-Ära angebrochen. Es kann und darf eben einfach nicht sein, dass es Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus geben könnte. Punkt.**

Parallel zu all dem erschien aktuell eine Untersuchung im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), das der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung angehört. Diese Studie mit dem Titel Greece: Solidarity and Adjustment in Times of Crisis zeigt auf, “wie Millionen Menschen in Griechenland durch eine überharte und sozial völlig unausgewogene Austeritätspolitik wirtschaftlich abgestürzt sind“ (Gustav A. Horn, wissenschaftlicher Direktor des IMK, zitiert nach dem Artikel „Schuldenkrise. So leiden die Griechen unter dem Sparkurs“ von Jakob Schulz, SZ-online vom 19. März 2015).

Und wo bitteschön bleibt hier nun der allgemeine Aufschrei in der Öffentlichkeit, im Sinne von allgemeingesellschaftlicher Solidarität? Ach, nein, die Erregungsöffentlichkeit hat ja genug damit zu tun, Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit zu schüren oder sich jüngst – völlig undifferenziert – über diese „Unmenge von Chaoten“ der Blockupy-Bewegung zu echauffieren, die da anscheinend völlig unbegründet in Frankfurt auftrat. 10.000 Polizisten können sich schließlich nicht irren! Und das dann oft auch noch mit einem derart verlogen-moralischen Impetus und „Die Linke muss zu ihrer Verantwortung stehen“-Fähnchen im Wind. Oh ja, würden nur alle so sehr zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stehen müssen, wie es die Linke es immer tun soll…

Manchmal wünsche ich der ganzen individuellen und medialen Erregungsöffentlichkeit, dass sie selbst so sehr auf den Hund kommt, dass sie Gras fressen muss. Am besten direkt von der Wiese. Dann nimmt sie dabei auch die ihr angemessene Körperhaltung ein.

Anmerkungen:
* Was wir als gesellschaftliche „Realität“ betrachten, ist per Definition ein Macht- und Besitzverhältnis. Der Begriff „real“ leitet sich nicht von dem lateinischen Begriff „res“ (Sache) ab, sondern vom spanischen „real“ (königlich, dem König gehörend, vgl. auch „royal“). Somit weist „gesellschaftliche Realität“ bereits auf ein Machtverhältnis hin und Begrifflichkeiten wie „real estate“ auf Besitzverhältnisse. Ähnlich verhält es sich mit dem englischen Begriff „Force“, in dem sich Stärke, Kraft und Macht mit Gewalt, Zwang und Druck verbinden und damit die physische Durchsetzung der Machtverhältnisse mit Gewalt (Gewaltmonopol des Staates). (Vgl.: Graeber, David: Direkte Aktion. Ein Handbuch, Hamburg 2013; S. 287)
** Ich bin auf dem Gebiet kein Experte, aber ich kenne Stimmen, die wohl mit einiger Berechtigung davon ausgehen, dass das Kubanische System hätte funktionieren können, wäre es nicht konsequent durch die amerikanische Handelsboykott-Politik ausgehebelt worden. Boykott bzw. auf der anderen Seite Inkorporation durch den Mainstream, mit dem Ziel der Entschärfung, sind bekanntlich Mechanismen, die jede alternative Subkultur stets zu spüren bekommt.

Die Würde des Menschen…

Die zweifelhafte Wuerde

Liebe Kinder,

es gab einmal eine Zeit, da galt Menschenwürde als ein Grundrecht. Und das galt für alle Menschen, ausnahmslos. Da verstand man die Gesellschaft als eine Solidargemeinschaft miteinander verbundener Menschen. Und die Politik hatte dafür zu sorgen, dass das gemeinsame Zusammenleben in diesem Sinne geregelt wurde.

Menschen, die ihre Arbeit, ihre Heimat, ihren Halt verloren hatten, galt weitgehend Mitleid für ihre zumeist unverschuldete, momentane Lebenssituation. Eben deshalb verstand man sie weiterhin als Teil dieser Solidargemeinschaft. Und man ließ ihnen ganz selbstverständlich die Hilfe zufließen, die notwendig war, um ihnen an erster Stelle eine weiterhin würdige Existenz zu ermöglichen, sie darüber hinaus jedoch langfristig wieder wirklich in die Alltagsstruktur der Gesellschaft einzugliedern. Dies zu regeln gab es Behörden, die als Mittel zum Zweck des Gemeinschaftswesens verstanden wurden. In diesem Sinne waren sie respektabel.

Und man sprach davon, dass man zwischenmenschliche Beziehungen „pflege“. Ja, so sagte man. Und meinte damit, dass solche Beziehungen es wert seien, achtsam behandelt zu werden. Man versuchte einen würdevollen Umgang unter- und miteinander zu pflegen. Von Angesicht zu Angesicht, von Gleich zu Gleich, oft im Gespräch, also im direkten Kontakt und in gegenseitiger Er-Kenntnis. Daraus entstand dann gegenseitiger Respekt.

Und, liebe Kinder, es gibt tatsächlich noch immer Menschen, die haben den Traum, dass den Menschen, allen Menschen diese respektvolle Würde zurückgegeben wird. Vor allem denen, die sich selbst maßlos entwürdigen, indem sie aus einer privilegierten Situation heraus gegen die treten, die sich in einer menschlichen Notlage befinden.

Euer Märchenonkel

Hinneigung zur Wuerde

Charlie Hebdo

Malewitsch_Das schwarze KreuzSelbstverständlich macht auch mich der Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ betroffen: als Kulturschaffenden der Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit, als Pazifisten der kaltblütige Mord. Nun, das ist die bittere Wirklichkeit.

Darüber hinaus sind es allerdings vor allem zwei Dinge, die ich in dem Zusammenhang als besonders bedrückend empfinde: Zum einen freilich, dass nun wieder all die üblichen Idioten ihr Gut-Böse-Weltbild bestätigt zu sehen meinen. Zum anderen der Gedanke, dass der Anschlag wiederum nichts anderes ist als Ausdruck eines Kampfes von Fanatikern gegen Fanatiker, der lückenlos der althergebrachten und falschen Systematik kulturell-politischen Denkens entspringt. Was ich wohl näher erklären muss.

Auch als Verteidiger jeder Meinungsfreiheit war ich nie ein Freund von jedwelchen Mohammed-Karikaturen. Zumindest wenn sie von sei es christlicher, sei es atheistischer Seite kommen. Politisch mögen sie in mancher Hinsicht ihre Berechtigung haben. Dennoch drückt sich darin eben auch die Missachtung einer anderen Kultur aus, die wie im Islam nun mal unter anderem ein Bilderverbot kennt. Und zwar von einer Seite aus, die diesem Glaubens- und Gedankensystem im Grunde nicht verbunden ist (im Gegensatz z.B. zu den Papst-Satiren der „Titanic“, die damit kulturintern agiert). Womit man also von Kulturimperialismus sprechen könnte. Womit mir das Beharren darauf, eben genau daran die Meinungsfreiheit festzumachen, doch ein gutes Stück weit befremdlich erscheint. Für mich steckt dahinter eine gewisse besserwisserische Arroganz. Und damit ein sich aufklärerisch gebärdender Rassismus. Ist die Frage doch, wie weit man eine ganze Kultur diffamieren darf, nur um ein paar idiotische Fanatiker zu treffen? Und wo ist dabei die Grenze zu einem eigenen, überheblichen Fanatismus bzw. zu eigenem totalitären Denken? Und so wird dann ganz schnell mal wieder der „Kampf der Kulturen“ ausgerufen.

Womit wieder der erste Punkt ins Spiel kommt: Wäre es nicht endlich an der Zeit, grundsätzlich dieses System von Gut/Böse, Richtig/Falsch, Schwarz/Weiß aufzubrechen? Das System von „einen Standpunkt haben“ und zu glauben, von dort aus meinen zu können, gar zu wissen, was „wirklich richtig“ ist? Anstatt andere Meinungen, Lebensweisen und andere kulturelle Verhaltensweisen pluralistisch zu tolerieren? (Und, nein, das schließt Mord als Verhaltensweise keinesfalls mit ein, weil Mord nur ein Ausdruck totalitären Denkens in seiner radikalisierten Form ist. Im Übrigen insbesondere auch, wenn er von Staatsseite aus, gegebenenfalls per ferngesteuerter Drone, also in völlig abstrahierter Form, gegenüber möglicherweise andersdenkenden Menschen verübt wird.) Also zuzugeben, dass die eigene Meinung eben auch nur relativ ist, gesellschaftlich, historisch etc. geprägt?

Ja, genau diese Diskussion im Sinne eines wahrhaftig und grundsätzlich humanistischen Denkens würde ich mir nun wünschen.

Markus

Du schockst mich, ich schock Dich

Der Schriftfuehrer

Am 26. Februar 2014 wurde vom Europäischen Parlament auf 2016 hin die Einführung von „bildlichen Hinweisen“ (umgangssprachlich: „Schockbildern“) auf Zigarettenschachteln beschlossen. Da mir diese ständige und gleichzeitig so oft sinnlose Bevormundung durch Staat und Behörden ziemlich auf die Nerven geht, habe ich mir gedacht, ich verfasse mal eine kleine Petition zu diesem Thema unter der Überschrift „Fundamentale Unzulänglichkeiten im Beschluss zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln“ und reiche sie beim EU-Parlament ein. Zurück geht die Idee auf ein paar Momente skurriler Partylaune auf einer Geburtstagsfeier, aber im Gegensatz zum entsprechenden EU-Ausschuss habe ich diese Idee danach konsequent ethisch zu Ende gedacht.

Vor einigen Tagen habe ich die Bestätigung bekommen, dass die Petition unter der Nr. 1625/2014 ins Register aufgenommen wurde, sprich sie ist jetzt offiziell. Über die Zulässigkeit muss noch entschieden werden, das sollte aber nur Formsache sein, da sie selbstverständlich in den Tätigkeitsbereich der EU fällt. Danach müsste die Petition den Statuten zufolge eigentlich in alle Parlamentssprachen übersetzt und bei einer der kommenden Sitzung des Petitionsausschusses vorgetragen werden. Gleichzeitig sollte ich über den Verlauf in Kenntnis gesetzt werden.

Schaun wir also mal, wie sie so funktioniert, unsere Demokratie. Gerne informiere ich Euch über den Fortgang der Geschichte. Hier vorerst das Original-Werk: Petiton zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln

Zwischenzeitliches Update: Ein gutes Jahr nach Einreichung meiner Petition, am 29. Juli 2015, erhielt ich eine Bestätigung, dass sich der Petitionsausschuss nun mit meinem Schreiben auseinandersetze und es darüber hinaus an den „Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit“ zur Information weitergeleitet habe. Hier das Originalschreiben aus Brüssel: Petition_in Bearbeitung

Finales Update: Am 18. Februar 2016 erhielt ich die Nachricht, der Petitionsausschuss habe sich in einer Sitzung am 12. November 2015 abschließend mit dem Sachverhalt auseinandergesetzt, mit dem Ergebnis, dass nichts weiter zu unternehmen sei. Hier noch die zusammenfassende Stellungnahme, die am 26. August 2015 an die Mitglieder des Petitionsausschusses erging: Stellungnahme der Kommission an den Petitionsausschuss

Alles weitere demnächst an Ihrer Supermarktkasse.