Deutschlands Erregungsöffentlichkeit

 Faust_aufs_Auge

(Parental Advisory: Folgender Text kann polemische Verkürzungen enthalten.)

Na, das war doch mal wieder mal wieder eine Steilvorlage für die deutsche Erregungsöffentlichkeit: die von Deutschlands Ober-Welterklärer Günther Jauch angezettelte „Stinkefinger-Affäre“. Als erstklassiger Gastgeber schiebt man mal eben dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, völlig respektlos, eine komplett aus dem Kontext gerissene, verkürzte Filmsequenz unter und will damit belegen, dass…äh, ja was eigentlich?

Diese Provokation ist so billig, dass man darüber lachen könnte – wäre sie ein Einzelfall und nicht eben genau dem Muster entsprechend, wie die Mainstream-Medien versuchen, die Alexis Tsipras-Regierung seit deren Wahlsieg als ein Haufen halbstarker, pubertierender Lümmel darzustellen. Und ganz in diesem Sinne stellt sich Deutschlands Über-Ökonom Wolfgang „Die Schwarze Null“ Schäuble permanent hin und schreit: „Ich bin Euer Vater! Und ich treibe Euch die Flausen schon noch aus! Und sei es dadurch, dass ich Euch das Taschengeld kürze!“ (Ich muss bei dem Begriff „Schwarze Null“ ja immer lächeln. So neu ist die ja gar nicht. Im Gegenteil, sie regiert seit nunmehr einigen Jahren dieses Land…) Warum nehmen sich eigentlich nicht ein paar seriöse Familientherapeuten diesen Kommunikationsstrukturen, die da zu beobachten sind, in einer fundierten Studie an? Das Ergebnis wäre sicherlich interessant zu lesen.

So, und dieser Yanis Varoufakis hat nun also angeblich Deutschland den Stinkefinger gezeigt. Also uns, dem Sommermärchen- und Copacabana-Weltmeister Deutschland mit dementsprechend breiter Nationalitätsstolzbrust. Bestimmt wollte dieser ungezogene Lausbub damit nebenbei höhnisch andeuten, dass Griechenland 2004 die Europameisterschaft gewonnen hat. Ha, nimm das, Varoufakis: Das war nur möglich wegen eines teutschen Trainers, Sucker!

Ach so, nee, der Stinkefinger war ja gar nicht echt. Also jedenfalls vielleicht nicht. – Alles egal, wenn er in Jauchs Wort zum Sonntag auftaucht, dann wird schon was dran sein. Und dann entblöden sich einige Journalisten tatsächlich nicht, anstatt über die Manipulationsmechanismen der Medien nachzudenken, Varoufakis indirekt den Rücktritt nahezulegen. Denn wenn der dann spontan – und mit einigem Recht, je nachdem, in welchem Sinne man diese Bemerkung deutet – anmerkt, es handle sich um eine Fälschung, wird gleich die ganz große Moralkeule rausgeholt: Eigentlich müsse er wissen, dass eine solche „Falschaussage“ schon so manchen Minister den Job gekostet habe usw. etc.

Und spätestens an dieser Stelle frage ich mich dann, woher diese große, breit angelegt Angst vor Tsipras und Varoufakis kommt. Mein Verdacht:

Erstens ein völliges Unverständnis darüber, dass es eine Regierung tatsächlich wagt, zu ihren Wahlversprechen zu stehen, im eigenen Land wieder eine Solidargemeinschaft zu verwirklichen. So etwas kennt man in Deutschland schließlich seit Jahren nicht mehr. Beliebte Argumentationsmuster dabei: „Griechenland widersetzt sich der Austeritätspolitik der Troika!“ Alleine diese Begrifflichkeit: alles so schön royal hier…* Übersetzt also: „Was quatscht Ihr hier von sozialer Katastrophe, die von uns vorgegebene Sparpolitik ist heilig und gottgegeben und dient alternativlos dem System.“ Alternativ dazu: „Griechenland endlich auf dem Boden der Tatschen angekommen!“ Übersetzt: „Gute Aussichten, dass weiter hemmungslos privatisiert werden kann, sei das ökonomisch auch noch so kurzsichtig gedacht und in der Summe unsinnig. Wenn interessiert’s? Kriegsgewinnler gab’s schon immer.“ Anders zu denken haben inzwischen offensichtlich viele schlichtweg verlernt.

Und zweitens die noch fundamentalere Angst, dass die neue griechische Regierung tatsächlich Erfolg haben könnte – und sich damit zeigen würde, dass es gar nicht notwendig ist, diese ganze unappetitliche, neoliberale Suppe, die uns da seit Jahren eingeflößt wird, zu schlucken. Diese Angst ist es ja auch, weshalb linke Bewegungen und alternative Denkmodelle in vielen Medien permanent und zunehmend diffamiert werden, als sei eine neue Morgenröte der McCarthy-Ära angebrochen. Es kann und darf eben einfach nicht sein, dass es Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus geben könnte. Punkt.**

Parallel zu all dem erschien aktuell eine Untersuchung im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), das der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung angehört. Diese Studie mit dem Titel Greece: Solidarity and Adjustment in Times of Crisis zeigt auf, “wie Millionen Menschen in Griechenland durch eine überharte und sozial völlig unausgewogene Austeritätspolitik wirtschaftlich abgestürzt sind“ (Gustav A. Horn, wissenschaftlicher Direktor des IMK, zitiert nach dem Artikel „Schuldenkrise. So leiden die Griechen unter dem Sparkurs“ von Jakob Schulz, SZ-online vom 19. März 2015).

Und wo bitteschön bleibt hier nun der allgemeine Aufschrei in der Öffentlichkeit, im Sinne von allgemeingesellschaftlicher Solidarität? Ach, nein, die Erregungsöffentlichkeit hat ja genug damit zu tun, Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit zu schüren oder sich jüngst – völlig undifferenziert – über diese „Unmenge von Chaoten“ der Blockupy-Bewegung zu echauffieren, die da anscheinend völlig unbegründet in Frankfurt auftrat. 10.000 Polizisten können sich schließlich nicht irren! Und das dann oft auch noch mit einem derart verlogen-moralischen Impetus und „Die Linke muss zu ihrer Verantwortung stehen“-Fähnchen im Wind. Oh ja, würden nur alle so sehr zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stehen müssen, wie es die Linke es immer tun soll…

Manchmal wünsche ich der ganzen individuellen und medialen Erregungsöffentlichkeit, dass sie selbst so sehr auf den Hund kommt, dass sie Gras fressen muss. Am besten direkt von der Wiese. Dann nimmt sie dabei auch die ihr angemessene Körperhaltung ein.

Anmerkungen:
* Was wir als gesellschaftliche „Realität“ betrachten, ist per Definition ein Macht- und Besitzverhältnis. Der Begriff „real“ leitet sich nicht von dem lateinischen Begriff „res“ (Sache) ab, sondern vom spanischen „real“ (königlich, dem König gehörend, vgl. auch „royal“). Somit weist „gesellschaftliche Realität“ bereits auf ein Machtverhältnis hin und Begrifflichkeiten wie „real estate“ auf Besitzverhältnisse. Ähnlich verhält es sich mit dem englischen Begriff „Force“, in dem sich Stärke, Kraft und Macht mit Gewalt, Zwang und Druck verbinden und damit die physische Durchsetzung der Machtverhältnisse mit Gewalt (Gewaltmonopol des Staates). (Vgl.: Graeber, David: Direkte Aktion. Ein Handbuch, Hamburg 2013; S. 287)
** Ich bin auf dem Gebiet kein Experte, aber ich kenne Stimmen, die wohl mit einiger Berechtigung davon ausgehen, dass das Kubanische System hätte funktionieren können, wäre es nicht konsequent durch die amerikanische Handelsboykott-Politik ausgehebelt worden. Boykott bzw. auf der anderen Seite Inkorporation durch den Mainstream, mit dem Ziel der Entschärfung, sind bekanntlich Mechanismen, die jede alternative Subkultur stets zu spüren bekommt.

Die Würde des Menschen…

Die zweifelhafte Wuerde

Liebe Kinder,

es gab einmal eine Zeit, da galt Menschenwürde als ein Grundrecht. Und das galt für alle Menschen, ausnahmslos. Da verstand man die Gesellschaft als eine Solidargemeinschaft miteinander verbundener Menschen. Und die Politik hatte dafür zu sorgen, dass das gemeinsame Zusammenleben in diesem Sinne geregelt wurde.

Menschen, die ihre Arbeit, ihre Heimat, ihren Halt verloren hatten, galt weitgehend Mitleid für ihre zumeist unverschuldete, momentane Lebenssituation. Eben deshalb verstand man sie weiterhin als Teil dieser Solidargemeinschaft. Und man ließ ihnen ganz selbstverständlich die Hilfe zufließen, die notwendig war, um ihnen an erster Stelle eine weiterhin würdige Existenz zu ermöglichen, sie darüber hinaus jedoch langfristig wieder wirklich in die Alltagsstruktur der Gesellschaft einzugliedern. Dies zu regeln gab es Behörden, die als Mittel zum Zweck des Gemeinschaftswesens verstanden wurden. In diesem Sinne waren sie respektabel.

Und man sprach davon, dass man zwischenmenschliche Beziehungen „pflege“. Ja, so sagte man. Und meinte damit, dass solche Beziehungen es wert seien, achtsam behandelt zu werden. Man versuchte einen würdevollen Umgang unter- und miteinander zu pflegen. Von Angesicht zu Angesicht, von Gleich zu Gleich, oft im Gespräch, also im direkten Kontakt und in gegenseitiger Er-Kenntnis. Daraus entstand dann gegenseitiger Respekt.

Und, liebe Kinder, es gibt tatsächlich noch immer Menschen, die haben den Traum, dass den Menschen, allen Menschen diese respektvolle Würde zurückgegeben wird. Vor allem denen, die sich selbst maßlos entwürdigen, indem sie aus einer privilegierten Situation heraus gegen die treten, die sich in einer menschlichen Notlage befinden.

Euer Märchenonkel

Hinneigung zur Wuerde

Charlie Hebdo

Malewitsch_Das schwarze KreuzSelbstverständlich macht auch mich der Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ betroffen: als Kulturschaffenden der Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit, als Pazifisten der kaltblütige Mord. Nun, das ist die bittere Wirklichkeit.

Darüber hinaus sind es allerdings vor allem zwei Dinge, die ich in dem Zusammenhang als besonders bedrückend empfinde: Zum einen freilich, dass nun wieder all die üblichen Idioten ihr Gut-Böse-Weltbild bestätigt zu sehen meinen. Zum anderen der Gedanke, dass der Anschlag wiederum nichts anderes ist als Ausdruck eines Kampfes von Fanatikern gegen Fanatiker, der lückenlos der althergebrachten und falschen Systematik kulturell-politischen Denkens entspringt. Was ich wohl näher erklären muss.

Auch als Verteidiger jeder Meinungsfreiheit war ich nie ein Freund von jedwelchen Mohammed-Karikaturen. Zumindest wenn sie von sei es christlicher, sei es atheistischer Seite kommen. Politisch mögen sie in mancher Hinsicht ihre Berechtigung haben. Dennoch drückt sich darin eben auch die Missachtung einer anderen Kultur aus, die wie im Islam nun mal unter anderem ein Bilderverbot kennt. Und zwar von einer Seite aus, die diesem Glaubens- und Gedankensystem im Grunde nicht verbunden ist (im Gegensatz z.B. zu den Papst-Satiren der „Titanic“, die damit kulturintern agiert). Womit man also von Kulturimperialismus sprechen könnte. Womit mir das Beharren darauf, eben genau daran die Meinungsfreiheit festzumachen, doch ein gutes Stück weit befremdlich erscheint. Für mich steckt dahinter eine gewisse besserwisserische Arroganz. Und damit ein sich aufklärerisch gebärdender Rassismus. Ist die Frage doch, wie weit man eine ganze Kultur diffamieren darf, nur um ein paar idiotische Fanatiker zu treffen? Und wo ist dabei die Grenze zu einem eigenen, überheblichen Fanatismus bzw. zu eigenem totalitären Denken? Und so wird dann ganz schnell mal wieder der „Kampf der Kulturen“ ausgerufen.

Womit wieder der erste Punkt ins Spiel kommt: Wäre es nicht endlich an der Zeit, grundsätzlich dieses System von Gut/Böse, Richtig/Falsch, Schwarz/Weiß aufzubrechen? Das System von „einen Standpunkt haben“ und zu glauben, von dort aus meinen zu können, gar zu wissen, was „wirklich richtig“ ist? Anstatt andere Meinungen, Lebensweisen und andere kulturelle Verhaltensweisen pluralistisch zu tolerieren? (Und, nein, das schließt Mord als Verhaltensweise keinesfalls mit ein, weil Mord nur ein Ausdruck totalitären Denkens in seiner radikalisierten Form ist. Im Übrigen insbesondere auch, wenn er von Staatsseite aus, gegebenenfalls per ferngesteuerter Drone, also in völlig abstrahierter Form, gegenüber möglicherweise andersdenkenden Menschen verübt wird.) Also zuzugeben, dass die eigene Meinung eben auch nur relativ ist, gesellschaftlich, historisch etc. geprägt?

Ja, genau diese Diskussion im Sinne eines wahrhaftig und grundsätzlich humanistischen Denkens würde ich mir nun wünschen.

Markus

Du schockst mich, ich schock Dich

Der Schriftfuehrer

Am 26. Februar 2014 wurde vom Europäischen Parlament auf 2016 hin die Einführung von „bildlichen Hinweisen“ (umgangssprachlich: „Schockbildern“) auf Zigarettenschachteln beschlossen. Da mir diese ständige und gleichzeitig so oft sinnlose Bevormundung durch Staat und Behörden ziemlich auf die Nerven geht, habe ich mir gedacht, ich verfasse mal eine kleine Petition zu diesem Thema unter der Überschrift „Fundamentale Unzulänglichkeiten im Beschluss zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln“ und reiche sie beim EU-Parlament ein. Zurück geht die Idee auf ein paar Momente skurriler Partylaune auf einer Geburtstagsfeier, aber im Gegensatz zum entsprechenden EU-Ausschuss habe ich diese Idee danach konsequent ethisch zu Ende gedacht.

Vor einigen Tagen habe ich die Bestätigung bekommen, dass die Petition unter der Nr. 1625/2014 ins Register aufgenommen wurde, sprich sie ist jetzt offiziell. Über die Zulässigkeit muss noch entschieden werden, das sollte aber nur Formsache sein, da sie selbstverständlich in den Tätigkeitsbereich der EU fällt. Danach müsste die Petition den Statuten zufolge eigentlich in alle Parlamentssprachen übersetzt und bei einer der kommenden Sitzung des Petitionsausschusses vorgetragen werden. Gleichzeitig sollte ich über den Verlauf in Kenntnis gesetzt werden.

Schaun wir also mal, wie sie so funktioniert, unsere Demokratie. Gerne informiere ich Euch über den Fortgang der Geschichte. Hier vorerst das Original-Werk: Petiton zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln

Zwischenzeitliches Update: Ein gutes Jahr nach Einreichung meiner Petition, am 29. Juli 2015, erhielt ich eine Bestätigung, dass sich der Petitionsausschuss nun mit meinem Schreiben auseinandersetze und es darüber hinaus an den „Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit“ zur Information weitergeleitet habe. Hier das Originalschreiben aus Brüssel: Petition_in Bearbeitung

Finales Update: Am 18. Februar 2016 erhielt ich die Nachricht, der Petitionsausschuss habe sich in einer Sitzung am 12. November 2015 abschließend mit dem Sachverhalt auseinandergesetzt, mit dem Ergebnis, dass nichts weiter zu unternehmen sei. Hier noch die zusammenfassende Stellungnahme, die am 26. August 2015 an die Mitglieder des Petitionsausschusses erging: Stellungnahme der Kommission an den Petitionsausschuss

Alles weitere demnächst an Ihrer Supermarktkasse.

Alltagswahnsinn

Effeff

Willkommen allerseits, das ist die Kategorie, die dem Motto folgt: „And pray that there’s intelligent life somewhere up in space, because there’s bugger all down here on Earth.“ (Monty Python: „Galaxy Song“) Aber, egal wie dem auch sei: „Always Look on the Bright Side of Life!“ Empfehlung hierzu: Jeder beliebige Film der Marx Brothers.