Über Der Elevator

Markus Baumgart / Gölzstraße 22 / 72072 Tübingen / der.elevator (ät) freenet.de

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Tod

Nun gibt es sie also, die freie Zeit, um die Bücherstapel, die sich in den letzten Monaten, wenn nicht gar Jahren angesammelt haben, durchzusehen. Neue Bücher, in Ramschkisten gefundene Bücher, Bücher aus dem heimischen Regal – wollte alles mal (wieder) gelesen werden. Aber die Zeit… Wenigstens jetzt bleibe ich an dem ein oder anderen Titel hängen, schaue ins Inhaltsverzeichnis, lese die Einführung, hier und da ein paar Seiten. Dabei stolperte ich über folgende Sätze:

„Wenn unsere Zeit leichtweg die Rechtfertigungen des Mords annimmt, so aus dem Grund jener Indifferenz dem Leben gegenüber, die das Kennzeichen des Nihilismus ist. Es gab zweifellos Epochen, da die Leidenschaft zu leben so stark war, daß auch sie in verbrecherische Exzesse ausartete. Aber diese Exzesse waren wie Brandwunden einer schrecklichen Sinnenlust. Sie waren nicht diese monotone Ordensregel, von einer dürftigen Logik aufgestellt, in deren Augen alles gleichförmig wird. Diese Logik hat die Werte des Selbstmords, mit denen sich unsere Zeit genährt, bis zur letzten Konsequenz getrieben: der Legitimierung des Mordes. Gleichzeitig gipfelt sie im kollektiven Selbstmord. (…) Es ist vielleicht falsch zu sagen, das Lebens sei eine unaufhörliche Wahl. Aber es ist richtig, daß man sich kein Leben vorstellen kann, das jeglicher Wahl beraubt ist. (…) Der Irrtum einer ganzen Epoche war es, von einem Gefühl der Verzweiflung ausgehend, allgemein gültige Regeln des Handelns zu verkünden oder für verkündet zu halten, während die eigentümliche Bewegung dieses Gefühls darin besteht, über sich hinauszuführen.“

Diese Passagen finden sich in der „Einleitung. Das Absurde und der Mord“ von Albert Camus‘ Essayband „Der Mensch in der Revolte“ von 1951 (erstmals deutsch 1953 bei Rowohlt erschienen). Zugegebenermaßen habe ich sie hier aus dem Zusammenhang gerissen, dieses jedoch, weil es sich meines Erachtens um allgemeingültige Aussagen handelt, die sich wunderbar in Bezug zu aktuellen Diskussionen setzen lassen. Denn ist die aktuelle zivilisatorische Krise (an dieser Stelle ganz breit gefasst) nicht viel weniger eine Frage des Todes als vielmehr eine des Lebens? Und eine der Kommunikation darüber, was das Leben denn ist, sein sollte? Sobald irgendetwas angeblich alternativlos ist, steht es bereits auf der Todesliste, denn „alternativlos“ ist gleichbedeutend mit Tod. Das Leben jedoch ist bunt und vielfältig und spricht aktiv mit diversen, eigensinnigen Stimmen.

Im Moment wird meinem Eindruck nach pauschalisierend und und vor allem entmündigend über Menschen gesprochen, beispielsweise „die Corona-Risikogruppe“, als wäre diese eindeutig definierbar bzw. homogen und gäbe es dementsprechend eine pauschale Lösung, die für alle passt. Und als hätten die Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, keine eigene und vor allem eigenverantwortliche Stimme. Warum wird nicht mit ihnen über ihre Einstellung zu Leben und Tod gesprochen? Vielleicht agieren manche Ältere oder Menschen mit Behinderung weiterhin offensichtlich autonom, weil sie ihr Leben und ihren Tod ausgiebig reflektiert haben und mit sich im Reinen sind. Was ihr gutes (Menschen-)Recht ist. Zwar mögen sie stärker gefährdet sein, wollen aber trotzdem über sich selbst entscheiden, sich nicht bevormunden und schon gar nicht von irgendjemand ethisch maßlos sagen lassen, wann ihr Tod am ökonomisch sinnvollsten eintreten sollte. Anstatt auf künstliche Beatmung auf der Intensivstation – deren Sinn zunehmend fraglich wird – setzen sie lieber individuell auf einen selbstbestimmten, würdevollen Tod mit Hilfe der Palliativmedizin.

Freilich ist mir bewusst, dass politische Entscheidungen nur auf Pauschalisierungen basieren können. Wer in seinem Leben bereits mit der Intensivmedizin in Berührung war, vielleicht einen Menschen beim Sterben begleitet hat, wird die Sache jedoch zugleich differenzierter betrachten. Unethisch ist es nicht, dem Tod mit einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber zu stehen und dem Ausdruck zu verleihen. Unethisch ist es, Tod und Sterben einerseits zu tabuisieren, andererseits aber absolute Aussagen darüber treffen zu wollen.

Abschließend: Wer den Tod nicht mehr tabuisiert, kann sich wohlgemut die Frage stellen, wie sich das Leben vor dem Tod gestalten sollte. Darüber würde ich mir eine gesellschaftliche Debatte wünschen. Vielleicht würde dann nicht mehr mit dem Anschein von Absolutheit von „Leben retten“ gesprochen, sondern die Relativität dieser Aussage anerkannt – und mit Friedrich Schiller ausgerufen: „Groß ist, wer das Furchtbare überwindet. Erhaben ist, wer es, auch selbst unterliegend, nicht fürchtet.“ (Über das Erhabene, 1801)

Unwort des Jahres

Unwort

Ja, das ist ernsthaft mein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2020: „systemrelevant“. Kurzbegründung: „systemrelevant“ ist das (Tot-)Schlagwort derer, die zu faul und vor allem zu systemimmanent verfangen sind, um über das gegebene System nach- und darüber hinaus zu denken. „Systemrelevant“ ist das Pendant zu „alternativlos“.

Freilich, innerhalb eines privatisierten Gesundheitssystems, in dem in Deutschland eine Pflegekraft auf zehn Patienten kommt – zumindest im rechnerischen „Idealfall“ – sind Pflegekräfte systemrelevant, weil das ganze System am Rande des Zusammenbruchs steht. Stellt man sich aber gedanklich neben das aktuelle System und geht von einem am Menschen ausgerichteten Gesundheitssystem aus, dann ist das Berufsfeld Pflegekraft heutzutage ein beschämendes Beispiel dafür, was aus dem Menschen wird, wenn er innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik zum bloßen Kostenfaktor wird. Fraglos wären Pflegekräfte auch ein einem alternativ gedachten Gesundheitssystem weiterhin systemrelevant. Allerdings wäre das dann eine Selbstverständlichkeit und müsst nicht mehr derart betont werden. Das momentan überall angestimmte Lied von der Systemrelevanz ist nichts anderes als das sprichwörtliche Pfeifen im Wald alleine aus Angst, dass das aktuelle System zusammenbrechen könnte.

Heutzutage systemrelevant sind Kindertagesstätten und Schulen vor allem, weil sie die Kinder in das aktuelle Verwertungs- und Konkurrenzsystem hinein sozialisieren und zugleich den Eltern ermöglichen sollen, systemrelevant innerhalb dieses Systems Mehrwert im kapitalistischen Sinne zu produzieren. Innerhalb dieser sich zunehmend als irrig herausstellenden Logik sind sogar die Autoindustrie und Schlachthöfe systemrelevant. Leider ist, ebenfalls mal kurz abseits dieser Logik gedacht, vieles im Gegenteil eben nicht systemrelevant, sondern systemzerstörend im Hinblick auf z.B.: Ökologie, Todesstatistiken, verödende Innenstädte, eine desaströse Lebensmittelindustrie, Fehlernährung, gesellschaftliche Entsolidarisierung, Hetze und Rassismus, ganz zu schweigen von globaler Ungleichheit. Das bestehende System ist schlichtweg ein faulender Stamm, und Systemrelevanz innerhalb dieses Systems dementsprechend in erster Linie ein Fäulnisbeschleuniger.

Würde „Systemrelevanz“ ein grundlegend relevantes Denken meinen, käme dies einem radikalen Umdenken gleich, weil nicht mehr vom Kapital, sondern vom Menschen aus gedacht werden müsste. Zuerst müsste nämlich gefragt werden, wozu all das, womit die Menschen ihre tägliche Zeit verbringen, eigentlich gut sein soll, welchen Sinn die Produktion von Gütern grundsätzlich hat. Die Antwort könnte nur lauten, dass es in einem ganzheitlichen Sinne systemrelevant wäre, die Ökonomie an der Ökologie und am Menschen auszurichten. Wirkmächtig systemrelevant wäre es dann, an erster Stelle umgehend die Umverteilung von Unten nach Oben zu stoppen und für Steuergerechtigkeit zu sorgen, indem bislang zwar legale, aber letztlich illegitime Steuervermeidungstricks unterbunden werden. Um reales Geld zu generieren, das dem gesamtgesellschaftlichen System von der Geburt und der darauf folgenden Bildung bis hin zum Gesundheitssystem und einem menschenwürdigen Sterben zugute käme, also einem Sozialleben, in dem die Würde des Menschen tatsächlich im Vordergrund stünde.

Wenn wir so weit sind, werde ich „systemrelevant“ als Wort des Jahres vorschlagen.

Mundnasenschutzmaskenapokalypse

Zombie

Die Mundnasenschutzmaskenapokalypse bringt es an den Tag, nun zeigt er sein wahres Gesicht: Der im Supermarkt einkaufende Mensch ist eine gefährliche Bioform, die nichts anderes tut, als die sie umgebenden Bioformen mit Viren einzuspeicheln. Also ein Zombie. Die klassische George-Romero-Dystopie: Fressen und gefressen werden in den Tempeln des Konsums. Plötzlich illustriert die Lebenswirklichkeit die Fiktion. Kulturwissenschaftlich betrachtet, hat das Corona-Ding aus dem Wildtier-Sumpf eben auch seine ironischen Seiten.

Der Zombie ist letztlich jedoch tot und eigentlich passiv. Wie auch das Corona-Virus passiv ist . Trotzdem wird es interessanterweise immer wieder als aktiv, fast schon als fremde Intelligenz gedacht. So erinnere ich mich an einen Artikel in der SZ, in dem sinngemäß davon die Rede war, das Virus kennen nur das Ziel, weitere Menschen zu erreichen, um deren Atemwegen zu kapern und sich dort zu vermehren. Das ist freilich reißerischer Unsinn, lässt sich als Denkbild aber herleiten von Filmen wie „Invasion der Körperfresser“: die Alien-Invasion, die über die Menschheit herfällt und diese durch infizierte Klone ersetzt.

Die Erstverfilmung 1956 durch Don Siegel (nach einer Romanvorlage von Jack Finney von 1954) wurde häufig als politische Allegorie auf die antikommunistische Paranoia der McCarthy-Ära und das dort herrschende Denunziantentum gedeutet, die interpretatorische Ausrichtung bleibt jedoch letztlich offen. Auf jeden Fall aber sind die Klone nicht gut auf diejenigen zu sprechen, die sich ihre menschliche Eigenständigkeit, wenn man so will: ihre innere Gesundheit erhalten haben. So gesehen, werden in dieser Lesart die Opfer zu Tätern gemacht, also Virusträger*innen zu eindringenden Aliens (vgl. auch „Men in Black“). Das eigentlich Schreckliche aber, das den Film-Schock auslöst, ist zum einen der leere, empathielose, der entmenschlichte Mensch, zum anderen der für autoritären Totalitarismus anfällig gewordene Menschen, dem die Norm wichtiger ist als deren inhaltlicher Sinn.

Wie dem auch sei, am Ende beugen sich selbst Citoyenne und Citoyen der Maskenpflicht und binden sich einen eleganten Schal um den Kopf, alleine um der sozialen Ächtung zu entgehen. Obwohl es ihnen bereits der Anstand gebietet, ihren Mitmenschen nicht ins Gesicht zu niesen, sowie einen gewissen sozialen Abstand zu halten.

Nachrichten aus der nahen Zukunft

Mars

2026. Dank zerschnittener Bettlaken und alter Hosengummis war die Menschheit soeben vor dem globalen Aussterben bewahrt worden. Nun begann eine Sondereinheit, die übrig gebliebenen Laken zusammenzuknoten, um einen lange gehegten Wunsch zu verwirklichen: die Besteigung des Mars. Die Berechnungen dazu wurden mit Hilfe eines Abakus und einer mechanischen Registrierkasse erstellt, die man in einer der verlassenen Städte gefunden hatte. Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer feierten in einem exklusiven Festakt diesen innovativen Schritt in Richtung Künstliche Intelligenz 7.0.

return to SENDER

Eleven RT

Im letzten Jahr war das Projekt kunstort ELEVEN artspace zu Gast in den Galerieräumen des Kunstmuseums Reutlingen. Zur MailArt-Installation „return to SENDER“ im Rahmen der Ausstellung habe ich mich mit einem kleinen Beitrag in Form eines Briefes – selbstverständlich auf dem Postweg – beteiligt:

MailArt_MB

Die Klang- und Performancekünstlerin Monika Golla und der Installationskünstler Frank Fierke, die das Projekt tragen und die Ausstellung kuratiert haben, schreiben dazu in ihrer Online-Dokumentation:

„Wie unglaublich fies……!! How mean is this MailArt by Markus Baumgart:
‚This envelope is empty or not empty, so please in any case DO NOT OPEN IT! It may contain an important message, a declaration of love, a picture of a cat, a false knowledge, an infinitely small or huge, banal or significant art work, a few remaining atoms of Tübingen air? SO PLEASE DO NOT OPEN THIS ENVELOPE!‘
Frank and I disagree – he says, as artists we should respect the written words and not open it. I say, just as artist we should accept the challenge and break the rules and of course open it! … What do you think? Until now WE have not opened it (…not yet)!! :-)“

Und ein Kommentator: „Burn it.“ – Wozu ich meine: Okay, aber ohne dabei zuzuschauen, am besten mit verbundenen Augen. Und danach bitte unbeobachtet und mit weiterhin verbundenen Augen die Asche vom Wind davontragen lassen. Damit dieses kleine Werk weiterhin existiert. Oder nicht existiert.

Ein Nachtrag

Rauchende Köpfe

Die Reaktionen auf meinen ersten Einwurf zum Thema Corona waren überwältigend. Sehr viel Zustimmung, Dankeschön dafür! Aber auch einige kritische Stimmen; ein ebenso großes Dankeschön dafür, denn diese schärfen den Blick auf bis dahin blinde Flecken im eigenen Denken. Der besonders schöne Nebeneffekt: Plötzlich ergab sich wieder ein Kontakt zu Menschen, die ich oder die mich im Lauf der Jahre aus den Augen verloren hatte/n. Und es wurde der Wunsch geäußert, ganz grundsätzlich öfters miteinander zu sprechen, direkt miteinander zu kommunizieren – wenngleich sich das in der aktuellen Situation schwierig gestaltet, jedenfalls über die Telekommunikation hinaus. Aber alleine der Wunsch ist ja ein Anfang.

Dieser Eintrag soll dazu dienen, eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, die ich meine in den eher kritischen Rückmeldungen durchscheinen zu sehen.

Hier ein Screenshot der Süddeutschen Zeitung online, darin zu sehen ein Artikel, der die ersten Studien zu den psychosozialen Folgen der Corona-Isolation zum Inhalt hat.

Corona_SZ_200321

Genau darauf basiert ein Teil meiner Kritik. Ich bin keinesfalls naturwissenschaftsskeptisch, schätze beispielsweise wie viele die fundierten und besonnenen Einschätzungen von Christian Drosten sehr. Skeptisch sehe ich hingegen die Prioritätensetzung, plakativ gesagt: Zuerst kommt die Naturwissenschaft, dann Ökonomie und Recht, dann lange gar nichts, und dann langsam Soziologie, Psychologie und möglicherweise sogar Geisteswissenschaften. Da wird mir mulmig bei.

Im Screenshot rechts daneben einer dieser Artikel, die mich zu meinem kleinen Ausfall gegen „verlogene Aufrufe zur Corona-Solidarität“ verleiteten. Selbstverständlich ist mir die gelebte Solidarität ein sehr wichtiges, nicht zu überschätzendes Gut. Und selbstverständlich stelle ich gegenseitige Rücksichtnahme zum eigenen Schutz und dem der anderen und ein dementsprechendes verantwortungsvolles Verhalten in keinster Weise in Abrede. Mein Einwurf bewegt sich jedoch im Rahmen einer medialen und politischen Kritik. Altväterlich wird da plötzlich zur Solidarität mit den Alten und Schwachen gemahnt (und ich betone nochmals: freilich nicht unberechtigt). Wenn sich hingegen eine junge Generation um ihre Zukunft sorgt, wie etwa „Fridays for Future“, dann wird leider sehr oft völlig unsolidarisch von kleinen Dummchen und Hysteriker*innen geredet, die doch bitteschön weiterhin brav ihre Hausaufgaben machen sollten. Ich meine gewisse Widersprüche zu erkennen, womöglich gar die Vertiefung eines Generationskonflikts, mit dem leider keiner Seite gedient ist.

Und als letztes: Ich nehme die Corona-Gefahr ernst, sehr ernst. Und erst recht, seit ich als eine der Antwortmails die eines Arztes bekam, der in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeitet und der mich darin auf ein mir bis dato unbekanntes Dokument aus vom Januar 2013 aufmerksam macht, mit dem Kommentar: „Dort wird z.B. der voraussichtliche Mangel an Schutzausrüstungen für Ärzte und Pflegekräfte, der Mangel an Krankenhausbetten etc. detailliert beschrieben. Es wurde viele Jahre nichts, überhaupt nichts vorbereitet!“

Das besagte Dokument ist völlig unkonspirativ abrufbar im Dokumentations- und Informationssystem (DIP) des Deutschen Bundestags und trägt den Titel „Unterrichtung durch die Bundesregierung. Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“ (Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Drucksache 17/12051 vom 3.1.2013). Darin wird u.a. ausführlich die Gefahr einer Pandemie in Deutschland durch einen modifizierten SARS-Virus durchgespielt (Kapitel 2.3, S. 5/6 und Anhang 4 ab S. 55: „Risikoanalyse Bevölkerungsschutz Bund. Pandemie durch Virus ‚Modi-SARS‘, Stand: 10.12.2012“). Diese „wurde unter fachlicher Federführung des Robert Koch-Instituts und Mitwirkung weiterer Bundesbehörden durchgeführt.“ (S. 5) Und sie liest sich wie das Drehbuch zu dem, was wir aktuell erleben müssen.

Auf Seite 56 ist zu lesen: „Eintrittswahrscheinlichkeit: Klasse C: bedingt wahrscheinlich / ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt“. Im Haupttext (S. 12) wird jedoch gewarnt: „Zwar sind die entsprechenden Eintrittswahrscheinlichkeiten für solche Ereignisse deutlich geringer, doch ist ihr Eintreten gleichwohl jederzeit möglich, wie es das katastrophale Ereignis von Fukushima eindrücklich belegt hat.“ Auf S. 65 ist vermerkt: „Die enorme Anzahl Infizierter, deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie hospitalisiert sein sollten bzw. im Krankenhaus intensivmedizinische Betreuung benötigen würden, übersteigt die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches (siehe Abschnitt KRITIS, Sektor Gesundheit, medizinische Versorgung). Dies erfordert umfassende Sichtung (Triage) und Entscheidungen, wer noch in eine Klinik aufgenommen werden und dort behandelt werden kann und bei wem dies nicht mehr möglich ist. Als Konsequenz werden viele der Personen, die nicht behandelt werden können, versterben.“ Diesem Absatz zugeordnet ist Anmerkung 7: „Bisher gibt es keine Richtlinien, wie mit einem Massenanfall von Infizierten bei einer Pandemie umgegangen werden kann. Diese Problematik erfordert komplexe medizinische, aber auch ethische Überlegungen und sollte möglichst nicht erst in einer besonderen Krisensituation betrachtet werden.“ Und auf S. 62 findet sich eine angenommene Verlaufskurve, die gewisse Ähnlichkeiten hat mit der, ich nenne es mal: „Sendung mit der Maus“-Version, die allgemein aus den Medien bekannt sein sollte. Also die mit dem steilen Berg, der die Belastungsgrenze des Gesundheitssystem überragt, und dem gemütlichen Hügel, der darunter bleibt. Aber eben auch deutliche Unterschiede.

So, und da werde ich wütend. Denn was ist die letzten Jahre im Gesundheitswesen tatsächlich geschehen? Der Umbau eines Systems, dass dem Menschen dienen sollte, zu einem System, das Gewinne erzielen muss. Vorangetrieben oder zumindest geduldet von den Herren, die nun den staatsmännischen Krisenmanager und sich besorgt geben, dass das Gesundheitswesens zusammenbrechen könnte. Ein Gesundheitswesen, das bis zur Unerträglichkeit Menschen auspresst, die nur noch als lästiger Kostenfaktor gelten, und in dem kleinere, „unrentable“ Kliniken, oft in ländlichen Gegenden, geschlossen werden. Ein Gesundheitswesen, das eigentlich bereits zusammengebrochen ist. Während ich dies schreibe, erscheint in der taz online, 22.03.2020 der Artikel „Kurzarbeit im Krankenhaus?“, in dem die Schön-Klinik-Sprecherin Astrid Reining (Hamburg) zitiert wird: „Viele Krankenhäuser stehen angesichts der derzeitigen Lage vor großen finanziellen Herausforderungen und geraten in Liquiditätsengpässe.“ Oh ja, es werden noch sehr viele unangenehme und unbequeme Diskussionen zu führen sein.

Aber wie immer gibt es die kleinen Momente der Hoffnung. So vermerkt der Bericht auf S. 79: „Im vorliegenden Szenario wird davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich solidarisch verhält und versucht, die Auswirkungen des Ereignisses durch gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme zu verringern. Ähnlich solidarische Verhaltensweisen wurden vielfach bei anderen Extremsituationen beobachtet.“ In diesem Sinne also: Bleibt achtsam UND solidarisch. Ach ja, und denkt über eure Handy-Mobilität nach.

Hier eine PDF meiner beiden bisherigen Texte zum Thema Corona in zusammengefasster und leicht überarbeiteter Version: Markus_Baumgart_Corona_toetet_Kultur_200326

Corona tötet Kultur. Ein Appell zu anderer Achtsamkeit

Kulturtod

Sorry, aber ich muss mal eben in die Suppe spucken. Ja, das Folgende ist eine völlig subjektive, unausgewogene, einseitige, trotzige, nicht alle Seiten von vorne bis hinten abwägende Polemik, die sich somit voll in die Nesseln setzt. Der Narr bezieht jedoch gerne die Prügel für die Botschaft, Hauptsache es wird sich mit ihr auseinandergesetzt. Sich in einen Corona-Angst-Kokon und ganz im Privaten einzunisten, nur weil ein Teil der Gedanken verunsichern könnte, das geht auf Dauer nämlich nicht gut. Und nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, sondern versuche, einfach nur mit kulturwissenschaftlichem Blick zu beobachten.

Und das, was ich auf dieser Basis befürchte, ist eine Katastrophe, die weit über die Corona-Pandemie hinausreicht. Nämlich die Abschaffung jedes demokratischen, kulturellen und insbesondere links-alternativen, subkulturellen Denkens, Handelns und Wirkens. Diese Destruktion ist vermutlich gar nicht primär geplant, also in Form einer Verschwörung, weil das auf Hegemonie basierende kapitalistische System eine solche überhaupt nicht mehr nötig hat. Sondern ganz einfach ein willkommener Kollateralschaden, sprich: ein Kollateralgewinn im Sinne der Hegemonialmacht, für die es ein Denken abseits der eingeschliffenen Seilschaften nicht mehr gibt und geben darf. Corona ist der zur Realität gewordene Traum aller Rechtspopulisten und neoliberalen Ideologen. Einfach mal alle Läden und kulturellen Einrichtungen über Wochen schließen – na, wer wird denn da wohl der große Verlierer sein? Freilich all die kleinen Kultureinrichtungen (und damit meine ich auch alternative Clubs, Ateliers, Buchhandlungen, Plattenläden, Second-Hand-Shops etc.), die von wenigen Aktivist*innen oder gar Einzelpersonen getragen werden und gerade deshalb oft Orte devianten, widerspenstigen Denkens sind. Und finanziell sowieso auf Kante genäht. Wird dementsprechend am Ende nur gerettet, was im Sinne des totalen Kapitalismus systemrelevant ist, werden solche Orte schlichtweg durch Passivität abgeschafft. Neue Gesetze, durchschaubare Etatkürzungen und Polizeieinsätze sind nicht mehr nötig, sie werden stillschweigend nebenbei ausgeblutet.

Dafür kann die Polizei nun in Parks und auf Spielplätzen einsetzt werden, um den Kindern und Jugendlichen, die sich dort entgegen allen Anweisungen anarchistisch zusammenrotten, von Anfang an beizubringen, was Sache ist, wer das Sagen hat. Eindrücklich erschreckende Bilder sind das, die die Berichte in der „bürgerlichen Presse“ teilweise begleiten. So erschreckend wie die tendenziell gleiche Ausrichtung dieser Medienberichte. Nein, damit will ich nicht in das Horn populistischer Medienschelte blasen. Aber ist es nicht furchtbar, welche Zeichen da zum einen gesetzt werden, zum anderen, wie wenig Widerspruch laut wird? Grundtenor ist: Also wenn die Menschen so unvernünftig sind, dann können ja nur noch Ausgangssperren verhängt werden. Kaum ein kritischer Gedanke irgendwo, Führer*innen-Hörigkeit aller Orten. Gegenstimmen, ein kritisches Abwägen, eine ernsthafte Diskussion? Fehlanzeige. Corona, deutsch: die Krone, herrscht und droht unhinterfragt.

Und die praktische Seite: nebulös. Gesetzt ist, die Kinder zu Hause zu behalten, dazuhin empfohlen ist Homeoffice, und nebenbei der Online-Unterricht der Schulkinder. Perfekt, kein Problem. Selbstverständlich arbeiten wir konzentriert in einer Zwei-Zimmer-Wohnung via Homeoffice während wir ein zweijähriges Kind betreuen, auch wenn mit einem solchen kaum ein ordentliches Telefonat alleine mit Freund*innen zu führen ist. Und selbstverständlich kann unser Internet jederzeit und überall gleichzeitig Homeoffice und eine Online-Lern-Plattform für alle bewältigen. Und selbstverständlich leben alle Kinder in einem sozialen Umfeld, in dem sie die bestmögliche elterliche Betreuung bekommen. Egal, irgendwie prügeln wir das Wissen und die Systemkonformität schon in sie rein. Aber ob das der sogenannten Herdenimmunität auch in virologischer Hinsicht nachhaltig und langfristig dient?

Ich bin entsetzt und fürchte das Schlimmste. Jedoch nicht wegen des Virus, der zumindest hinbekommen hat, was die Linke schon lange nicht mehr geschafft hat: Wenn dein starker Arm es will, stehen alle Räder still. (Voraussichtlich leider wenig nachhaltig im Hinblick auf Arbeitsrechte, einen weltweiten Grundlohn, Ökologie usw. etc.) Sondern wegen einer weiteren Zerstörung der Menschen- und Bürgerrechte, eines alternativen politischen, intellektuellen und vor allem grundsätzlich humanistischen Standpunkts, der vom Menschen ausgeht und nicht vom System, und somit des wirklichen sozialen Zusammenlebens – insbesondere in diesem Punkt bin ich gerne bereit, diese m.E. teils unglaublich verlogenen Aufrufe zur Corona-Solidarität zu diskutieren, z.B. bei Betrachtung der medialen Darstellung von „Fridays for Future“ als quasi demographisch kongruentem Gegenstück.

Aber: Zugleich ist das eine große Chance für einen alternativen Entwurf wirklicher, gelebter Solidarität und kultureller Pluralität. So oft meine ich sie wahrgenommen zu haben und wahrzunehmen, diese Resignation vieler kluger Menschen innerhalb des Kulturbetrieb, die mit ihrem Tun nichts anderes wollen, als einen positiven Impuls zurück in die Gesellschaft zu geben. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so, die ökonomischen Zwänge, und mach nur einen Plan und sei ein helles Licht… Kann das, soll das das letzte Wort gewesen sein? Wollen wir wirklich allen, die hämisch darauf lauern, gar aktiv dazu beitragen, dass sich jede kritische Alternativkultur atomisiert, das letzte Wort überlassen? Nein, das kann es doch wohl nicht gewesen sein. Also: Achtet nicht nur auf eure Gesundheit, seid bitte auch besonders aufmerksam im Hinblick auf unsere Kultur- und Zivilgesellschaft. Gerade weil es für deren Rettung wohl noch nicht mal einen Plan gibt, die Diskussion darüber deshalb umso notwendiger ist.

Und hier noch ein Buchtipp zur aktuellen Situation: Haus Bartleby (Hg.): Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik, Edition Nautilus, Hamburg 2015

Und der Text als PDF: Markus_Baumgart_Corona_toetet_Kultur