Buchlounge_Irgendwas mit Musik

Willkommen zum Sommertermin der Buchlounge und zu einer kleinen Übersicht, was sonst noch so im September von meiner Seite her ansteht.

An erster Stelle: Das Antiquariat 13 qm hat seit kurzem einen digitale Dependance unter http://www.13qm.net. Dort sind bereits ein paar, zum Teil aus der Buchlounge hervorgegangene Texte zu finden, aber auch meine Magisterarbeit und ein paar kleinere Arbeiten, die ich in den letzten Wochen geschrieben habe. Weiteres folgt. Wenn Ihr Lust habt, schaut gelegentlich vorbei.

Oder schaut ganz real in den nächsten zwei Wochen mittags oder abends im Laden vorbei. Da ich Urlaub habe und ganz viel neue Bücher (insb. Literatur) und Schallplatten (Easy Listening, Jazz, Klassik) verarbeiten muss, habe ich in der Regel geöffnet, insbesondere bei, ähem, schönem Wetter. Und freilich, wenn nichts kurzfristig dazwischen kommt. Also: Am besten vorab kurz anrufen, um sicher zu gehen, dass ich da bin.

Ganz ähnlich wie meine Webseite ist die reale Buchlounge am kommenden Freitag, dem 5. September aufgebaut, ein bisschen wie die „Panorama in die Welt“-Seiten von Tageszeitungen. Mit dabei: Hildegard Knef; der handschriftliche Bericht von einer Ferienreise 1950 mit dem Auto in die Schweiz – eine Fundsache vom Flohmarkt; ein weiteres Kapitel Outsider Music, diesmal in Form der Mod-Freaks von John’s Children, die bestenfalls deshalb bekannt sind, weil Marc Bolan (später T.Rex) ein paar Monate in der Band war; eine kleine Obskurität, die ich selbst geschrieben habe; und, wenn wir darauf Lust haben, eine Handvoll liebeskranker Popsongs, die bereits als Playlist auf meiner Webseite zu finden sind. Ein bunter, unterhaltsamer Sommerstrauß also.

Am Samstag, dem 13. September findet dann das Loretto-Fest statt. Nachdem ich letztes Jahr wegen anderer Aktivitäten passen musste, bin ich dieses Mal freilich wieder mit dabei. Das Antiquariat ist ab 14 Uhr geöffnet und wartet auf Gäste, und jeweils um 16 und 18 Uhr führt Anna Rosenfelder vom Theater Papilio im Buchlounge-Bereich das ca. 40minütige Stück „Die Mondtücher“ (nach F.K. Wächter) für alle ab 4 Jahren auf. Außerhalb dieser Zeiten kann der Bereich gerne von den jungen Eltern unter Euch zur Kinderversorgung abseits des Festtrubels genutzt werden.

Und schließlich: Am Sonntag, dem 28. September halte ich in Böblingen im Rahmen der Abschlussveranstaltung der aktuellen Ausstellung „Vertraute Fremde“ um 16 Uhr einen kleinen Vortrag mit Musik zum Thema Exotica. Dem folgen zwei Performances, und danach lege ich noch ein bisschen Musik auf und es gibt Drinks. Den Flyer zur Ausstellung findet Ihr hier: Folder Boeblingen_Vertraute Fremde

Druckversion der Einladung: Buchlounge_Irgendwas mit Musik

Playlist # 1: …und wir lieben uns trotzdem!

Wahre Liebe

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und ein Ende. Und genauso wohnt jedem Ende ein Zauber inne – und ein Anfang. Beweis gefällig? Hier eine Liste von sieben großartigen, deutschsprachigen Abschieds- und Oder-vielleicht-doch-nicht so-ganz-Abschieds-Songs. Ideal zu hören in dieser Abfolge, viel Spaß!:

Die Crazy Girls: Lass Dir Zeit (Walk Don’t Run)
(V.A.: Surfin’ Germany; Bear Family Records 1989; im Original eine EMI/Columbia-Single in den späteren 1960ern)

Andreas Dorau: Gehen (Baby Baby)
(Todesmelodien; Staatsakt 2011)

Heidelinde Weis: Vorbei, vorbei!
(So sing ich; Intercord 1975)

Stereo Total: Schön von hinten
(monokini; Bungalow 1997)

F.S.K.: Gute Nacht
(Akt, eine Treppe hinabsteigend; Buback Tonträger 2012)

Max Raabe: Als ich Dich wollte
(Für Frauen ist das kein Problem; Palast Musik/Universal Music 2013)

Der Plan: Wenn wir beide auseinander gehen
(Die Peitsche des Lebens; Ata Tak 1990)

Der Samtene Untergrund

Banane_gelbThe Velvet UndergroundBanane_grün

Wäre ich nebenbei auch ein monetär reicher Mann, käme ich momentan vermutlich in die Versuchung, mir via eBay USA das „The Velvet Underground Scepter Studios Sessions“ Acetat von 1966 zu kaufen – eines von angeblich zwei bekannten Exemplaren (das andere soll Moe Tucker besitzen). Dabei handelt es sich um eine Testpressung des ersten Albums von The Velvet Underground & Nico, wie es ursprünglich geplant war, in alternativer Song-Abfolge und mit einigen der Songs in alternativer Abmischung (Toningenieur: John Licata; Aufnahmeleitung: Norman Dolph, der dafür ein Bild von Andy Warhol erhielt – auf lange Sicht sicherlich kein schlechter Tausch) – alles in allem deutlich rauer als das 1967 dann tatsächlich veröffentlichte Album.

Mir bekannte Veröffentlichungen dieses Acetats* sind eine eher inoffizielle Veröffentlichung um 2011/12 herum (einzige Angabe: XTV-122, angelehnt an die handschriftliche Original-Bezeichnung XTV 122 402 des Acetats) – sehr schön das Original-Cover des dann 1967 tatsächlich erschienenen Albums paraphrasierend (s.o.) – und eine offizielle CD-Veröffentlichung im Rahmen der „45th Anniversary Super Deluxe Edition“ (eben des regulären Albums) 2012 sowie auf Vinyl zum Record Store Day im selben Jahr. Von welchem Original sie auch immer stammen mögen (die offiziellen Veröffentlichungen angeblich von Moe Tuckers Exemplar), vermutlich wurde in allen Fällen etwas nachbearbeitet. Da ich das XTV-Repro auf der Buchlounge im April 2012 spielte, es da aber sicherlich schon einige Monate in meinem Besitz hatte, stammt es allerhöchstens von den Mastern der (mir bislang nicht zu Ohren gekommenen) „Deluxe Edition“. Im Vergleich zur RSD-Vinyl-Version klingt diese Pressung jedenfalls gleichzeitig schärfer und düsterer, also besser, und die zweite Seite beginnt im Gegensatz zur RSD-Version mit deutlichen Nebengeräuschen, die vom Original herstammen müssen.

Und das eine Original wäre nun, nach einem zuerst erfolglosen Versuch, es zu versteigern (s.u.), für 100.000 Dollar käuflich zu erwerben. Man darf auch Alternativ-Angebote abgeben… (Die, bis dato, vier eingegangenen Angebote wurden allesamt abgelehnt.) Angeblich hat das Acetat der Sammler Warren Hill ursprünglich 2002 für 75 Cent auf einem Straßenflohmarkt in New York erstanden, was für mich ziemlich nach einer „Urban Legend“ klingt. 2006 übernahm es auf einer Online-Auktion der jetzige, anonyme Besitzer für 25.200 Dollar, der es, eigenen Angaben nach, umgehend in ein Bankschließfach einlagerte, da er das Acetat als „Investition“ betrachtete. Und im Juli dieses Jahres kam es also wieder auf den Markt.

Der erste Versuch einer Online-Auktion endete am Montag, den 28. Juli 2014 um 17 Uhr (MESZ). Den Termin hatte ich mir fett im Kalender eingetragen, weil ich auf ein sensationelles Bieter-Feuerwerk hoffte. Und was passierte, an diesem Tag, um dieser Uhrzeit, bei dieser Auktion? Ca. zwei Sekunden vor Ende der Auktion sprang das letzte, tagelang stockende Angebot von 6000plusirgendwas Dollar auf 14.550 Dollar. Und das war’s dann. Und da saß ich nun – einerseits enttäuscht, andererseits aber auch mit einem unglaublich befriedigten Lächeln im Herzen: Recht geschehen, The Velvet Underground darf man schlichtweg nicht als merkantile „Investition“ betrachten! Schließlich haben wir es hier mit der definitiv größten Band aller Zeiten (sic!) zu tun, von der bereits Cher sagte: „Es ist kein Ersatz für irgendwas – außer vielleicht für Selbstmord.“** Oder mit Lou Reeds eigenen Worten:

„Jenny said when she was just five years old
There was nothing happenin’ at all
Every time she puts on the radio
There was nothing goin’ down at all, not at all
Then one morning she puts on a New York station
You know, she couldn’t believe
What she heard at all
She started shakin’ to that fine fine music
You know, her life was saved by rock’n’roll.”

Ja, und ungefähr so haben auch wir Pop-Zöglinge Mitte der 1980er-Jahre von The Velvet Underground erfahren. Damals, als es noch SWF 3 und SDR 3 gab, und auf einem der Sender, wenn ich mich recht entsinne, regelmäßig mittwochs gegen 20 Uhr, eine Stunde lang eine Sendung mit Alternative-Charts lief, bei der man u.a. Bands wie The Jesus and Mary Chain, My Bloody Valentine oder The Feelies zu hören bekam, über die man dann unweigerlich auf The Velvet Underground aufmerksam wurde.

Yeah, you know, our life was saved by Rock’n’Roll…

Daher, liebe Brüder und Schwestern, zieht hinaus in die Welt und besorgt Euch alles, was Ihr von The Velvet Underground finden könnt. – Am besten auf Vinyl, sonst kommt eventuell der Geist von Lou Reed und verflucht Euch mit Metal Machine Music. (Ganz großes Album – leider nur ganz selten auch so gewürdigt. Ich denke, nur noch „Philosophy of the World“ von den Shaggs macht einem das Hirn derart frei. Sprich: Großartige Chill-out-Musik!)

Update 20. August: Inzwischen wäre das Acetat mit 20 % Rabatt, sprich für 80.000 Dollar, zu haben. Ich überlege noch… :-)
Update Mitte September: „Sonderangebot“ wieder zurückgenommen, inzwischen 14 abgelehnte Alternativangebote.
Update Ende September: Bisherige Alternativangebote gelöscht; nun mit 25 % Rabatt, also für 75.000 Dollar, im Angebot.
Update Mitte Oktober: Der Festpreis wurde inzwischen auf 65.000 Dollar heruntergesetzt. Ich schätze, dass wird noch zu einem kleinen Lehrstück in Sachen „Wertanlage“. Der aktuelle Besitzer hat die Betonung wohl ein bisschen zu sehr eben darauf gelegt und damit potentielle Interessenten an dem wirklichen, dem musikalischen Artefakt ziemlich verärgert.
Update 28. Oktober: Erneut um 25 % reduziert, aktueller Preis damit 48.750 Dollar.
5. November 2014: Zu diesem Preis verkauft.

Anmerkungen:
*Acetat: Direkt geschnittene Schallplatte, die quasi im Umkehrprozess des Abspielens einer regulären Schallplatte entsteht, also nicht per Pressung, sondern direkt in den Tonträger graviert wird. (Siehe dazu auch eine Szene im Film „Die Marx Brothers im Kaufhaus“.) Auf Grund der dementsprechenden Materialeigenschaft des Tonträgers verliert ein Acetat mit jedem Abspielen an Qualität. Acetate wurden einzig zu Demonstrationszwecken erstellt, insbesondere um eine Plattenfirma für eine Single/ein Album zu finden, gegebenenfalls auch auf dem Umweg über DJs, die Acetate erhielten, um eine Song via Radio populär zu machen.
** Zitierte nach der Umschlag-Rückseite von: Victor Bockris / Gerard Malanga: up-tight. Die Velvet Underground Story, Sonnentanz-Verlag, Augsburg 1988 (2. Aufl. 1989)

Alle Abbildungen aus meinem Archiv:
Original-Cover der ersten LP und das Cover des besagten Bootlegs.
Cover des Taschenbuchs „The Velvet Underground“ von Michael Leigh (Macfadden Books, New York 1963; hier 4th Printing, April 1965; auf deutsch erschienen als: Leigh-Report. Sexuelles Gruppenverhalten in den USA, Hohwacht Verlag, Bad Godesberg 1965), nach dem sich die Band, die bis dahin nur unter dem Namen des Gesamtkunstwerks „Exploding Plastic Inevitable (Show)“ mitlief, benannte.

P.S.: Während ich dies schreibe läuft, nein, eben nicht The Velvet Underground, sondern die LP „Searching for the Young Soul Rebels“ von den Dexys Midnight Runners (eine andere Geschichte), die auch schon ziemlich runtergenudelt ist. Und da kam mir in den Sinn, dass das Knistern einer alten Schallplatte im Prinzip nichts anderes als die akustische Konkretisierung der elektrischen Erinnerungsfunken, die beim Hören zwischen den Gehirnsynapsen hin und her blitzen, über die Lautsprecher der Musikanlage ist.

Du schockst mich, ich schock Dich

Der Schriftfuehrer

Am 26. Februar 2014 wurde vom Europäischen Parlament auf 2016 hin die Einführung von „bildlichen Hinweisen“ (umgangssprachlich: „Schockbildern“) auf Zigarettenschachteln beschlossen. Da mir diese ständige und gleichzeitig so oft sinnlose Bevormundung durch Staat und Behörden ziemlich auf die Nerven geht, habe ich mir gedacht, ich verfasse mal eine kleine Petition zu diesem Thema unter der Überschrift „Fundamentale Unzulänglichkeiten im Beschluss zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln“ und reiche sie beim EU-Parlament ein. Zurück geht die Idee auf ein paar Momente skurriler Partylaune auf einer Geburtstagsfeier, aber im Gegensatz zum entsprechenden EU-Ausschuss habe ich diese Idee danach konsequent ethisch zu Ende gedacht.

Vor einigen Tagen habe ich die Bestätigung bekommen, dass die Petition unter der Nr. 1625/2014 ins Register aufgenommen wurde, sprich sie ist jetzt offiziell. Über die Zulässigkeit muss noch entschieden werden, das sollte aber nur Formsache sein, da sie selbstverständlich in den Tätigkeitsbereich der EU fällt. Danach müsste die Petition den Statuten zufolge eigentlich in alle Parlamentssprachen übersetzt und bei einer der kommenden Sitzung des Petitionsausschusses vorgetragen werden. Gleichzeitig sollte ich über den Verlauf in Kenntnis gesetzt werden.

Schaun wir also mal, wie sie so funktioniert, unsere Demokratie. Gerne informiere ich Euch über den Fortgang der Geschichte. Hier vorerst das Original-Werk: Petiton zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln

Zwischenzeitliches Update: Ein gutes Jahr nach Einreichung meiner Petition, am 29. Juli 2015, erhielt ich eine Bestätigung, dass sich der Petitionsausschuss nun mit meinem Schreiben auseinandersetze und es darüber hinaus an den „Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit“ zur Information weitergeleitet habe. Hier das Originalschreiben aus Brüssel: Petition_in Bearbeitung

Finales Update: Am 18. Februar 2016 erhielt ich die Nachricht, der Petitionsausschuss habe sich in einer Sitzung am 12. November 2015 abschließend mit dem Sachverhalt auseinandergesetzt, mit dem Ergebnis, dass nichts weiter zu unternehmen sei. Hier noch die zusammenfassende Stellungnahme, die am 26. August 2015 an die Mitglieder des Petitionsausschusses erging: Stellungnahme der Kommission an den Petitionsausschuss

Alles weitere demnächst an Ihrer Supermarktkasse.

Die „tabustrierte“ und die Sexbombe

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Auf einem Büchermarkt habe ich einmal eine kleine satirische Alternativpublikation namens „tabustrierte“ gefunden, die im ersten Jahrgang 1954 in Köln von Erich Denker, Ludwig und Hans Herbert Blatzheim sowie Magda Schneider herausgegeben wurde. Ich besitze das 4. Heft dieses ersten Jahrganges, die „superbombensondernummer“. Das 16-seitige Heft, der Text ist durchgehend in Kleinbuchstaben gehalten, lässt sich zur Hälfte von vorne, zur anderen Hälfte von hinten lesen, besitzt damit also auch zwei Titelblätter. Auf dem einen Titelblatt ist das Photo zweier Models auf einem Schiff abgebildet, das Bild trägt die Bildlegende „wasserstoffbombe“. Auf dem anderen Titelblatt findet sich ein sitzendes Pin-up-Model, die Legende lautet hier: „radioaktive sexbombe mit richtstrahler nach übersee“. Auch ein großer Teil der Texte und weiterer Bildlegenden spielt mit den Begriffen Sexbombe und Atom- bzw. Wasserstoffbombe. Repräsentativ für den satirisch-protestierenden Unterton mag folgendes Zitat aus dem leid-artikel stehen: „dieweilen dieses heft ansonsten der freude gewidmet ist, ziemet es sich kaum angesichts der ungestümen fortschritte einer wildgewordenen technik, einen freud-artikel zu schreiben. lasset uns wehmütig hinter uns blicken in jene zeiten, da man wasserstoff nur in superoxydierter form zum bleichen weiblichen haarschmuckes verwendete.“

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Der Begriff „Sexbombe“ wurde meinen Recherchen nach tatsächlich um 1950 in Deutschland geprägt. Dr. Heinz Küpper merkt zwar in „Handliches Wörterbuch der deutschen Alltagssprache“ (Hamburg/Düsseldorf 1968) an, der Begriff sei um 1950 aus Nordamerika übernommen worden, aber aus der ausführlichen Version „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ (Stuttgart/Dresden 1987) nahm er diesen Verweis wieder heraus. Der Begriff ist eine Zusammensetzung des 1945 aus dem Englischen übernommenen Wortes „Sex“ und der in Deutschland bereits seit 1930 gebräuchlichen Bezeichnung „Bombe“ für eine „Frau mit üppig entwickeltem Busen“ (ebd.: 122). In amerikanischen Slang-Wörterbüchern konnte ich den Begriff nicht finden, daher nehme ich an, dass der Begriff erst seit Tom Jones Hit „Sex Bomb“ von 1999 auch im englischsprachigen Raum wirklich populär ist.

Tamburin. Tanz und Schönheit in aller Welt

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Ein aktueller Neuzugang in meiner kulturwissenschaftlichen Sammlung sind zwei Ausgaben der Zeitschrift „Tamburin. Tanz und Schönheit in aller Welt“ von 1950. Herausgegeben wurden sie im Tamburin-Verlag Karl Hofmann, Schorndorf bei Stuttgart von eben Karl Hofmann, Redaktion: Robert Jeserich und Carl Rinke.

Nicht nur sind sie ein schönes Beispiel dafür, wie es bereits in beginnenden Wirtschaftswunder-Zeiten offensichtlich möglich war, in Eigenregie solche Kleinzeitschriften zu allen möglichen kulturellen Themen zu veröffentlichen – im Prinzip Vorläufer zu Blogs wie diesem –, sondern auch wie sich über solche künstlerischen Zeitschriften nach und nach die Aktphotographie wieder in den öffentlichen Alltag einschlich. Bereits in der Urzeit der Photographie war es ja Usus, photographische Aktdarstellungen als „Vorlagen für Künstler“ zu vervielfältigen und zu publizieren. Nicht umsonst also trägt diese Zeitschrift das „und Schönheit“ im Untertitel.

In diesen beiden Ausgaben findet sich u.a. eine recht zusammenhanglos eingefügte Photographie von Werner Schmölcke. Schmölcke publizierte später, in den 1960ern vier Bände mit Aktphotos beim Hans E. Günther Verlag in Stuttgart – derzeit neben der Europäischen Bücherei Hieronimi, Bonn wohl einer der wichtigsten deutschen Verlage für Erotika und Sittengeschichte. Zahlreiche weitere Akte, immerhin thematisch im Bereich Tanz verortet, stammen von Sigfried Enkelmann, der zuerst als Autodidakt, ab 1927 dann als Schüler und später enger Mitarbeiter von C.M. Nolte in Berlin tätig war und an dessen photochemischen Versuchen mitwirkte. Enkelmann galt derzeit als Spezialist auf dem Gebiet der Bewegungsaufnahme.

Eine kurze Photostrecke ist darüber hinaus im Heft 5/50 Rosita Perez gewidmet, die mit Tanz wohl nur insofern zu tun hatte, dass sie Teil einer gewissen „Paris-Floor-Show“ war, wohl einen Revue, – diese ist zudem ein schönes Beispiel für 1950er-Exotica (Photos: Keystone) :

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Neben Artikeln zum Bereich des klassischen Balletts und der Geschichte des Tanzes finden sich Artikel wie „Über die Pikanterie. Versuch, deren Reiz einer Tänzerin zu offenbaren“, „Cancan – Rausch des Dessous. Ein Reiztanz vom Fasching neu belebt“ oder „Kleine Weltgeschichte des Nachtlokals“ die für eine höfflich-dezent libertine Lebensweise stehen, ebenso wie Aphorismen und Zitate die unter den (in diesen Heften) Überschriften „Weisheit des Sinnlichen“ und „Liebes-Spielereien“ versammelt sind. Zwei dieser Weisheiten, von Wendelin Ueberzwerch, mögen beispielhaft als Abschluss diese Eintrags stehen, da sie den Geist dieser Magazine recht gut wiedergeben: „Die Sinne sind die Jakobsleiter zum Himmel der Liebe.“ Und: „Es ist eine erhabene Sache, daß man die Keuschheit in Gestalt einer nackten Göttin darstellen kann. Schmutzfinken werden so etwas nie verstehen.“

(P.S.: Ausführliches zur Sexual- und Sittengeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich übrigens hier auf dieser Webseite in den entsprechenden Kapiteln meiner Arbeit „Pop, Anarchie und Zeitgeist“.)

Die Knef, Der Stern und Der Apfel ist ab

Aus dem Paradies

Am 1. August 1948 erschien im Verlag Henri Nannen GmbH, Hannover, unter Zulassung Nr. 109 der Militärregierung und mit einem Verkaufspreis von 40 Pfennig das 16-seitige 1. Heft im 1. Jahr der Zeitschrift „Der Stern“ – damals noch mit dem Untertitel „Illustrierte Zeitschrift für junge Menschen“. Interessant bei letzterem die typographische Hervorhebung des Wortes „Illustrierte“, das sich ab dem frühen 20. Jahrhundert als fester Topos durchgesetzt hat, als nach und nach verstärkt Zeitschriften wie die „Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ)“ publiziert wurden. Und wie man dem Impressum entnehmen kann, war der Stern die Nachfolge-Zeitschrift des „Zick Zack“ – marketingtechnisch sicherlich eine kluge Namensänderung.* (Ach ja, und für die Leser in der Zukunft: „Pfennig“ war mal eine Währungsform in einem Zeitalter, das man heute als „Digitale Steinzeit“ bezeichnen könnte…)

Auf dem Titelbild (Achtung: Partywissen für Fortgeschrittene!): Hildegard Knef und der Kommentar: „Der Stern unserer Zeit ist kein extravaganter Star. Natürliche Anmut bewundern wir an Hildegard Knef.“ – Sehr apart gesagt.

Auf der Rückseite ein satirischer Artikel zu den Vorkommnissen um den damaligen Skandalfilm „Der Apfel ist ab“ (Regie: Helmut(h) Käutner; als Adam und Eva: Bobby Todd und Bettina Moissi), der die Vertreibung aus dem Paradies satirisch thematisiert – was von Anfang an auf Widerstand von Seiten der Kirche, wohl insbesondere der katholischen, stieß. Bei den Dreharbeiten zum Film schlich sich ein junger Mann in den Mitarbeiterstab ein, der dann ein Drehbuch entwendete und sich schließlich als Münchner Jesuitenpater Gritschneder entpuppte. In der Folge kam es zu köstlichen Auseinandersetzungen zwischen Käutner und der Katholischen Kirche:
Käutner drohte, den Diebstahl anzuzeigen, woraufhin ihm zugesichert wurde, die Kirche würde keine Einwände gegen den Film erheben, würde Käutner auf die Anzeige verzichten. Aber es stellten inzwischen alle auf Stur, so dass es bis hin zu Eingaben an die Militärregierung und zu öffentlichen Protesten kam. Ein Versuch zur Versöhnung von Seiten Käutners, in Form einer Einladung an den Münchner Bischof zu den Dreharbeiten, endete damit, dass ausgerechnet besagter Pater Gritschneder zu dem Termin erschien, der bei der Gelegenheit von Käutner wild beschimpft worden sein muss. Jedenfalls wurde nun wiederum Käutner von Seiten des Münchner Klerus wegen Beleidigung und Verleumdung angezeigt. Käuter drohte schließlich damit, Deutschland zu verlassen und ein Angebot nach Hollywood anzunehmen – was er dann doch nicht tat und stattdessen irgendwie den Film fertigstellte.
Zurück geht der Film übrigens auf ein 1935 verfasstes Programm des akademischen Kabaretts „Die Nachrichter“ (Käutner war eines der Mitglieder), das nicht mehr aufgeführt werden konnte, da die Truppe einem Verbot der Nazis zum Opfer fiel. 1938/39 kürzte Käutner das Stück zu einem Einakter, das durch das „Kabarett der Komiker“ zur Aufführung kam. Der Film wiederum basiert auf dem ursprünglichen Programm, wobei Bobby Todd der einzige „Nachrichter“ war, der als Schauspieler mitwirkte.

Der Inhalt des Stern-Hefts ist eine, wie man so schön sagt, bunte (wenn auch derzeit nur in Duoton gedruckte) Mischung von Artikeln. Neben ein bisschen Tratsch und Klatsch, Sport und Prominenz, reflektiert die Mehrheit der Beiträge die politische und soziale Situation im Nachkriegsdeutschland. So z.B. der Artikel „‘Heim ins Reich‘ – Arm ins Heim“ über Kriegsheimkehrer oder der als Fortsetzung angekündigte Bericht „Versuch’s noch mal mit uns“ (Copyright Rowohlt-Verlag Stuttgart, also derzeit auch als „Rohwohlt Rotations Roman (RO-RO-RO)“ erschienen – diese waren zuerst im Format und auf dem Papier von Zeitungen gedruckt, später im Taschenbuch-Format) von Dieter Meichsner über seine Zeit als sogenannter „Werwolf“, also faschistischer Endkämpfer in den letzten Kriegsmonaten. Außerdem, unter der Überschrift „Hat die deutsche Frau Versagt?“, ein sehr interessanter Kommentar einer Journalistin, die sich Jo nennt, den wiederum ein ausführlicher Kommentar der Redaktion begleitet. In ihm widmet sich Jo moralischen Fragen, primär dem „Verhalten der Geschlechter zueinander“ und insbesondere den kontrovers diskutierten bis stark angefeindeten Beziehungen deutscher junger Frauen zu farbigen GIs. Dabei kommt sie zu diesem bemerkenswerten Schluss:

„Würde er (gemeint ist der männliche Kritiker; MB) sich aber die Mühe machen, jene Mädchen zu fragen (wie wir es getan haben), so würde er hören, daß die einfache menschliche Güte, die Hilfsbereitschaft und Zartheit gerade dieser amerikanischen Bürger verbunden mit ihrem aus eigener Erfahrung stammenden Verständnis für unsere Not ihnen die Neigung der deutschen Mädchen gewonnen hat.
Krankt nicht das deutsche Familienleben seit langem am falschen Heroismus, an der sogenannten ‘Sachlichkeit‘, an der Rücksichtslosigkeit, am Grobianstil? Ja, darüber sollte man nachdenken, man käme dann vielleicht vom gegenseitigen Sichbeschuldigen zu einem neuen besseren Miteinanderleben.“

Dies scheint mir ein guter Hinweis, dass man die Entstehung des faschistischen Terrors auch mit patriarchalen Familienstrukturen und der Erziehung zum bedingungslosen Gehorsam zusammendenken muss.

* Erst vor Kurzem stieß ich auf die Publikation „Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern. Zwei deutsche Illustrierte und ihre gemeinsame Geschichte vor und nach 1945“ (Herbert von Halem Verlag, Köln 2014) von Tim Tolsdorff, in der der Autor detailliert die tatsächliche Entstehungsgeschichte, und vor allem auch die von Henri Nannen selbst betrieben Legendenbildung darum herum, dokumentiert und diskutiert. Empfehlung!

(Anmerkung: Ursprünglich sollten diesen Artikel Scans der Titel- und der Rückseite begleiten. Vorsichtshalber bat ich beim Stern um eine Genehmigung, die mir von einer Dame vom Leser-Service leider rasch und bestimmt, aber – wie ich hervorheben möchte – sehr freundlich verweigert wurde, da de Stern grundsätzlich keinen Inhalt des Stern für die Internet-Nutzung außerhalb der Websites des Verlags freigebe. – Ja, der redlich arbeitende Kulturwissenschaftler hat es schwer… Eine Ansicht der betreffenden Seiten ist also nur in situ, bei einem Glas Wein und, wenn gewünscht, einer Schallplatte der Knef möglich – auch nett!)