Es gibt ein Leben vor dem Tod

Tod

Nun gibt es sie also, die freie Zeit, um die Bücherstapel, die sich in den letzten Monaten, wenn nicht gar Jahren angesammelt haben, durchzusehen. Neue Bücher, in Ramschkisten gefundene Bücher, Bücher aus dem heimischen Regal – wollte alles mal (wieder) gelesen werden. Aber die Zeit… Wenigstens jetzt bleibe ich an dem ein oder anderen Titel hängen, schaue ins Inhaltsverzeichnis, lese die Einführung, hier und da ein paar Seiten. Dabei stolperte ich über folgende Sätze:

„Wenn unsere Zeit leichtweg die Rechtfertigungen des Mords annimmt, so aus dem Grund jener Indifferenz dem Leben gegenüber, die das Kennzeichen des Nihilismus ist. Es gab zweifellos Epochen, da die Leidenschaft zu leben so stark war, daß auch sie in verbrecherische Exzesse ausartete. Aber diese Exzesse waren wie Brandwunden einer schrecklichen Sinnenlust. Sie waren nicht diese monotone Ordensregel, von einer dürftigen Logik aufgestellt, in deren Augen alles gleichförmig wird. Diese Logik hat die Werte des Selbstmords, mit denen sich unsere Zeit genährt, bis zur letzten Konsequenz getrieben: der Legitimierung des Mordes. Gleichzeitig gipfelt sie im kollektiven Selbstmord. (…) Es ist vielleicht falsch zu sagen, das Lebens sei eine unaufhörliche Wahl. Aber es ist richtig, daß man sich kein Leben vorstellen kann, das jeglicher Wahl beraubt ist. (…) Der Irrtum einer ganzen Epoche war es, von einem Gefühl der Verzweiflung ausgehend, allgemein gültige Regeln des Handelns zu verkünden oder für verkündet zu halten, während die eigentümliche Bewegung dieses Gefühls darin besteht, über sich hinauszuführen.“

Diese Passagen finden sich in der „Einleitung. Das Absurde und der Mord“ von Albert Camus‘ Essayband „Der Mensch in der Revolte“ von 1951 (erstmals deutsch 1953 bei Rowohlt erschienen). Zugegebenermaßen habe ich sie hier aus dem Zusammenhang gerissen, dieses jedoch, weil es sich meines Erachtens um allgemeingültige Aussagen handelt, die sich wunderbar in Bezug zu aktuellen Diskussionen setzen lassen. Denn ist die aktuelle zivilisatorische Krise (an dieser Stelle ganz breit gefasst) nicht viel weniger eine Frage des Todes als vielmehr eine des Lebens? Und eine der Kommunikation darüber, was das Leben denn ist, sein sollte? Sobald irgendetwas angeblich alternativlos ist, steht es bereits auf der Todesliste, denn „alternativlos“ ist gleichbedeutend mit Tod. Das Leben jedoch ist bunt und vielfältig und spricht aktiv mit diversen, eigensinnigen Stimmen.

Im Moment wird meinem Eindruck nach pauschalisierend und und vor allem entmündigend über Menschen gesprochen, beispielsweise „die Corona-Risikogruppe“, als wäre diese eindeutig definierbar bzw. homogen und gäbe es dementsprechend eine pauschale Lösung, die für alle passt. Und als hätten die Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, keine eigene und vor allem eigenverantwortliche Stimme. Warum wird nicht mit ihnen über ihre Einstellung zu Leben und Tod gesprochen? Vielleicht agieren manche Ältere oder Menschen mit Behinderung weiterhin offensichtlich autonom, weil sie ihr Leben und ihren Tod ausgiebig reflektiert haben und mit sich im Reinen sind. Was ihr gutes (Menschen-)Recht ist. Zwar mögen sie stärker gefährdet sein, wollen aber trotzdem über sich selbst entscheiden, sich nicht bevormunden und schon gar nicht von irgendjemand ethisch maßlos sagen lassen, wann ihr Tod am ökonomisch sinnvollsten eintreten sollte. Anstatt auf künstliche Beatmung auf der Intensivstation – deren Sinn zunehmend fraglich wird – setzen sie lieber individuell auf einen selbstbestimmten, würdevollen Tod mit Hilfe der Palliativmedizin.

Freilich ist mir bewusst, dass politische Entscheidungen nur auf Pauschalisierungen basieren können. Wer in seinem Leben bereits mit der Intensivmedizin in Berührung war, vielleicht einen Menschen beim Sterben begleitet hat, wird die Sache jedoch zugleich differenzierter betrachten. Unethisch ist es nicht, dem Tod mit einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber zu stehen und dem Ausdruck zu verleihen. Unethisch ist es, Tod und Sterben einerseits zu tabuisieren, andererseits aber absolute Aussagen darüber treffen zu wollen.

Abschließend: Wer den Tod nicht mehr tabuisiert, kann sich wohlgemut die Frage stellen, wie sich das Leben vor dem Tod gestalten sollte. Darüber würde ich mir eine gesellschaftliche Debatte wünschen. Vielleicht würde dann nicht mehr mit dem Anschein von Absolutheit von „Leben retten“ gesprochen, sondern die Relativität dieser Aussage anerkannt – und mit Friedrich Schiller ausgerufen: „Groß ist, wer das Furchtbare überwindet. Erhaben ist, wer es, auch selbst unterliegend, nicht fürchtet.“ (Über das Erhabene, 1801)