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Über Der Elevator

Markus Baumgart / Gölzstraße 22 / 72072 Tübingen / der.elevator (ät) freenet.de

Carnival of Souls

Pere Ubu - Carnival of SoulsUbu

Vor wenigen Tagen erschien mit „Carnival of Souls“ (Fire Records) das 18. Album von Pere Ubu – in deren inzwischen 40jährigen Band-Historie. Und es ist ein großartiges Album geworden, das einen in einen ganz besonderen Sound-Kosmos entführt, aber ganz anders als beispielswiese das Vorgängeralbum „Lady from Shanghai“. Beim aktuellen Album ist deutlich zu spüren, dass es kollektiv aus gemeinsamen Improvisationen und Soundexeperimenten heraus entstand, also wie aus einem Guss. Eine zusätzliche, sehr lyrische Ebene fügt das Klarinettenspiel von Darryl Boon dem Ganzen hinzu. Ich bin beeindruckt.

Obwohl auf Basis einer Live-Performance zu dem Film „Carnical of Souls“ (1/2) entstanden, besagt ein Aufkleber auf dem Cover der LP: „No. The Album is not about the movie. (…)“ Und auf der Cover-Rückseite heißt es: „It’s about a guy by a river. After awhile he takes some clothes off and jumps in the water. He drops to the bottom where he looks up and watches the moon as he’s dragged downstream for as long as he can hold his breath.” Damit paraphrasieren Pere Ubu von einer anderen Seite her einen Moment der Kurzgeschichte von Ambrose Bierce.

Zwischen die Songs sind ca. einminütige, „Strychnine“ benannte Klancollagen eingestreut (zumindest in der Vinyl-Version, die CD-Version beinhaltet stattdessen ein zwölfminütiges, abschließendes Stück; der beiden Versionen beiliegende Download-Code ermöglicht einem den Zugang zu einer Version, die beides beinhaltet). Zum fünften „Strychnine“-Intermezzo heißt es in den Linernotes, es enthalte einen Morsecode, der „Merdre Merdre“ laute. Das ist freilich ein famoser selbstreferenzieller Einfall (3), ganz auf der Ebene des (Sound-)Humors, der sich von Anfang an durch das Pere Ubu-Werk zieht – etwa, wenn David Thomas in einem der frühesten Stücke, „Final Solution“ von 1976, singt: „Guitars gotta sound like a nuclear destruction“ und dann den Bruchteil einer Sekunde später, anstatt des zu erwartenden Gitarrengewitters, der diesen Song bislang begleitende Gitarren-Krach abricht und für drei Sekunden einer Stille Platz macht, deren Bedrohlichkeit durch ein minimales Hintergrundgeräusch, wie der ferne Nachklang einer Explosion, zusätzlich gesteigert wird.

Beim zweiten, dritten Durchhören des Albums wurde mir plötzlich auch klar, warum ich diese Art von Musik derart liebe: Geräusche repräsentieren schlichtweg das Leben! Das mag im ersten Moment vielleicht seltsam klingen, aber je mehr man sich mit solcher Musik auseinandersetzt, desto mehr wird einem klar, dass hier ein Prozess einsetz, der einen befähigt, die Umweltgeräusche als Sounds oder Quasi-Musik und damit als Musik der Lebenswirklichkeit wahrzunehmen und zugleich Musik, die mit diesen Elementen arbeitet, als Repräsentation der Lebenswirklichkeit (vgl. dazu insbesondere John Cages Komposition „4:33“).

In diesem Sinne: Hört dem Leben zu!

Anmerkungen:
(1) „Carnival of Souls“ (dt.: Tanz der toten Seelen) ist ein Low-Budget-Horrorfilm von 1962. Je nach Angaben wurde der Film mit einem Budget irgendwo zwischen 17 und 33 Tausend $ gedreht. Regie führte Herk Harvey, Hauptdarstellerin war Candace Hilligoss, die eine Ausbildung am Institut von Lee Strasberg absolviert hatte. Die übrigen Darsteller waren größtenteils Amateure, die immer wieder auftauchende Erscheinung wurde von Herk Harvey selbst gespielt.
Angeblich war Harvey bei einem Aufenthalt in Salt Lake City von der Stimmung in dem dortigen, verlassenen Saltair-Pavillon so beeindruckt, dass er zusammen mit John Clifford das Konzept zu diesem Film entwickelte. Das Drehbuch ist angelehnt an eine Kurzgeschichte von Ambrose Bierce (am bekanntesten von ihm ist wohl „Des Teufels Wörterbuch“), die z.B. unter dem deutschen Titel „Die Brücke über den Eulenfluss“ zu finden ist in: A.B.: Das Spukhaus. Gespenstergeschichten, Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher (hrsg. von Kalju Kirde), Frankfurt am Main 1969.
Musikalisch bezug auf den Film nahmen auch Combustible Edison mit dem gleichnamigen Stück auf ihrem Album „I, Swinger“ (Sub Pop/City Slang, 1994).
(2) „Carnival“ darf keinesfalls gleichgesetzt werden mit den deutschen Begriffen Karneval/Fasching. Vielmehr muss es der Wortgruppe „Freak Show“ oder „Side Show“ (vgl. auch „Side Show Bob“ bei den „Simpsons“) zu-, also in den Kontext der obskuren Jahrmarkts-Attraktionen eingeordnet werden. Dort (re)präsentierten „Carnival Shows“ stets das seltsame, fremde und auch verstörende Andere.
Informationen erster Hand dazu bieten beispielsweise die Bücher von Daniel P. Mannix, selbst Feuer- und Schwertschlucker: Memoirs of a Sword Swallower; im Original von 1952; Ausgabe in meinem Archiv: Braniac Books, London 1992, mit eine Vorwort von Hershell Gordon Lewis – a.k.a. „King of Gore“. Und: Freaks: We Who Are Not Like Others; im Original 1976; Neuausgaben bei Re/Search, Publishers: Andrea Juno and V. Vale, San Francisco 1990ff – hey, zwei Exemplare aktuell in meinem Antiquariats-Bestand verfügbar!
In den 1970ern fanden diese Begrifflichkeiten dann auch Einzug in queere Subkulturen, am besten derzeit wohl repräsentiert in der Publikation: Charles Gatewood/William S. Burroughs: Sidetripping, Strawberry Hill Publishing Co. Inc., New York 1975; siehe auch: C.G.: Badlands. Photographs, Goliath, Frankfurt am Main1999.
(Interessant im etymologisch-sprachalchemistischen Sinne ist in Bezug auf C.G., dass ausgerechnet jemand mit dem Namen „Gatewood“ – meines Wissens nach kein Pseudonym –, also „TorWald“, sich photographisch mit diesen Grenzbereichen auseinandersetzt. Denn etymologisch lässt sich „Hexe“ ableiten von „hagazussa“, wobei „hag“ „Zaun, Hecke, Gehege“ bedeutet und „zussa“ in manchen Herleitungen im Sinne von „sitzend“ verstanden wird. Damit wäre die Hexe eine Person, die auf dem Zaun sitzt, also Vermittlerin ist zwischen Zivilisation und Wildnis – womit die Rolle dieser Frauen mit einem außergewöhnlichen Wissen sehr gut umschrieben wäre. In diesem Sinne wäre also Gatewood ebenfalls jemand, der das Tor zu der Wildnis, die weiterhin in unsere Zivilisation mit eingeschlossen ist, aufstößt.)
(3) Pere Ubu benannten sich nach der Hauptfigur des Theaterstücks „Ubu roi“ von Alfred Jarry (1873–1907, Anti-Bourgeois, Erfinder der Pataphysik und bis zu seinem Tode passionierter Fahrradfahrer). Ubus initialer Ausruf „Merdre!“ (im Deutschen übersetzt mit z.B. „Schreiße!“ oder „Scheitze!“) führte bei der Erstaufführung 1896 zu minutenlangen Tumulten. – Vor ca. 25 Jahren hatte ich die Gelegenheit, Jarrys ehemaligen Wohnraum in Paris, 7 Rue Casette zu besichtigen, ein ca. 1,5 Meter hohes Zwischengeschoss zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk. Der Raum, in dem sich noch immer ein altes Waschbecken und ein eisernes Bettgestell befanden, war nun Lagerraum der Buchhandlung Librairie Andrillon, und auf meine Nachfrage in eben dieser führte mich einer der dortigen Buchhändler freundlicherweise hinauf. Auf Grund der Raumhöhe konnte ich nicht anders, als mich nicht nur innerlich sondern auch körperlich vor dem Geist von Monsieur Jarry zu verneigen… Den Hinweis auf den Wohnraum hatte ich dem Buch „Adieu Paris. Literarische Lokaltermine“ von Ursula von Kardoff, Verlag Franz Greno, Nördlingen 1987 entnommen. – In diesem Jahr erschien auf Deutsch die umfangreiche Biographie „Alfred Jarry. Ein pataphysisches Leben“ von Alastair Brotchie im Piet Meyer Verlag Bern/Wien. – Die Darstellung Ubus oben in der Bildleiste stammt übrigens von Alfred Jarry selbst.

Bericht einer Ferien-Fahrt mit dem Auto in die Schweiz im Jahr 1950

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Auf einem Flohmarkt in Böblingen fand ich vor einigen Wochen einen handschriftlichen Bericht einer Ferienreise in die Schweiz von 1950. Dieser wurde in einem einfachen, grauen, linierten DIN A5-Schulheft niedergeschrieben.
Das Titelblättchen auf dem Umschlag des Hefts und die ersten beiden Seiten sind mit einer anderen, schwerer lesbaren Handschrift geschrieben als der eigentliche Bericht, wobei (soweit ich das entziffern kann) auf den ersten beiden Seiten wohl auch nur die geplante Abfolge der auf der Reise zu durchfahrenen Orte festgehalten ist – zumindest ergibt sich die erste Differenz zum Reisebericht bereits bei der geplanten Abfahrtszeit (8 Uhr gegen 12:30 Uhr), und auch der für den vierten Tag der Reise geplante „Ruhetag“ fiel den Umständen der tatsächlichen Reise zum Opfer.
Innen auf der Umschlagseite findet sich die etwas kryptische Notiz „Ditzinger Flaschenbierhandel Guldmann lange Anwarte“ (die letzten drei Worte lese ich zumindest so), m.E. geschrieben in der Handschrift des ausführlichen Reiseberichts. Dieser beginnt auf Seite drei und nimmt insgesamt 14 ½ Seiten ein. Ganz hinten im Heft finden sich zudem Aufstellungen der täglichen Ausgaben sowie des Benzin- und Ölverbrauchs und der entsprechenden Kosten.

Die an der Reise Beteiligten sind namentlich nicht zu identifizieren, die Autoren des Berichts müssen jedoch aus Sindelfingen stammen. Auch wenn der Reise-Startort in beiden Texteilen mit Ebingen angegeben wird, so endet die Heimfahrt jeweils dort, im langen Bericht mit „Sdlfg.“ abgekürzt. (Das korrespondiert auch mit dem Fundort Flohmarkt Böblingen.)
Wie viele Personen an der Fahrt beteiligt waren, ist ebenfalls nicht ganz eindeutig zu entscheiden. Auf jeden Fall ein Ehepaar mit mindestens einem Sohn. Dazu kommt entweder eine weitere männliche Begleitperson oder ein Ehepaar – möglicherweise eben aus Ebingen stammend, was der Start und das zwischenzeitliche Ende der Reise nahelegen könnten. An einer Stelle des Berichts ist recht eindeutig von „der Ehefr. mit ihrem/n Jungen“ die Rede, gleichzeitig aber von „die Ehemänner“. Das „der“ entspricht in der Schreibweise eindeutig der desselben Wortes an anderen Stellen, könnte aber ein Schludrigkeitsfehler sein (davon finden sich einige in dem Bericht) und eben „den [Ehefr.]“ meinen. Dafür spricht zudem, dass am Ende des Heftes die Benzin- und Ölkosten durch vier geteilt werden – dass diese auf vier Erwachsene umgelegt werden, scheint mir nachvollziehbarer, als dass dies auf drei Erwachsene und ein Kind geschähe.

Die Reise selbst beginnt mit einer Enttäuschung, als beim Grenzübertritt in die Schweiz deutlich wird, dass nur 40 Mark anstatt der ursprünglich angenommenen 100 Mark in Schweizer Franken umgetauscht werden dürfen und das überzählige deutsche Geld beim Zoll eingelagert werden muss. Dementsprechend ist die ganze Reise von Geldmangel gekennzeichnet, den man aber immer wieder durch kluge Improvisation wettmacht. So bringt unsere kleine Reisegesellschaft es z.B. in Zermatt fertig, „soviel Deutsche“ zu einer Gruppe zusammenzubringen, dass man einen günstigeren Gruppenpreis für die geplante weitere Zahnradbahnfahrt zum Gornergrat aushandeln konnte. Auch die Quartiersuche gestaltet sich schwierig, und ein Mal zwingt eine Autopanne zu einem ungeplanten Aufenthalt. Unbeirrt von allem genießt die Gruppe jedoch die Reise, und der Bericht endet dementsprechend mit einem sehr positiven Gesamtfazit.

Den ganzen Bericht habe ich transkribiert und danach leicht redaktionell überarbeitet, ohne an der Ur-Version zu viel zu verändern. Korrekturen betreffen, der besseren Lesbarkeit wegen, insbesondere die Zeichensetzung, ganz eindeutige Grammatik- bzw. Rechtschreibfehler sowie ganz wenige gröbere Fehler im Satzaufbau, die ich versucht habe auszugleichen, ohne zu sehr in den Sprachduktus einzugreifen. Die ein oder andere nicht wirklich entscheidbare Stelle habe ich mit dem eventuell korrekten Wort oder auch nur einem Fragezeichen in eckigen Klammern kommentiert. Ebenso habe ich vermutlich fehlerhafte Ortsnamen per eckigen Klammern auf die mir bekannte, aktuelle Schreibweise hin korrigiert, wobei ich bei zwei Angaben von Berg-Pässen trotz gedrucktem Atlas und digitaler Suchmaschine bislang nicht herausfinden konnte, wie der jeweilige Name richtig lauten müsste (Hinweise dazu werden gerne entgegen genommen).

Und hier nun also der Bericht als PDF: Eine Ferienfahrt in die Schweiz im Jahr 1950

Buchlounge_Irgendwas mit Musik

Willkommen zum Sommertermin der Buchlounge und zu einer kleinen Übersicht, was sonst noch so im September von meiner Seite her ansteht.

An erster Stelle: Das Antiquariat 13 qm hat seit kurzem einen digitale Dependance unter http://www.13qm.net. Dort sind bereits ein paar, zum Teil aus der Buchlounge hervorgegangene Texte zu finden, aber auch meine Magisterarbeit und ein paar kleinere Arbeiten, die ich in den letzten Wochen geschrieben habe. Weiteres folgt. Wenn Ihr Lust habt, schaut gelegentlich vorbei.

Oder schaut ganz real in den nächsten zwei Wochen mittags oder abends im Laden vorbei. Da ich Urlaub habe und ganz viel neue Bücher (insb. Literatur) und Schallplatten (Easy Listening, Jazz, Klassik) verarbeiten muss, habe ich in der Regel geöffnet, insbesondere bei, ähem, schönem Wetter. Und freilich, wenn nichts kurzfristig dazwischen kommt. Also: Am besten vorab kurz anrufen, um sicher zu gehen, dass ich da bin.

Ganz ähnlich wie meine Webseite ist die reale Buchlounge am kommenden Freitag, dem 5. September aufgebaut, ein bisschen wie die „Panorama in die Welt“-Seiten von Tageszeitungen. Mit dabei: Hildegard Knef; der handschriftliche Bericht von einer Ferienreise 1950 mit dem Auto in die Schweiz – eine Fundsache vom Flohmarkt; ein weiteres Kapitel Outsider Music, diesmal in Form der Mod-Freaks von John’s Children, die bestenfalls deshalb bekannt sind, weil Marc Bolan (später T.Rex) ein paar Monate in der Band war; eine kleine Obskurität, die ich selbst geschrieben habe; und, wenn wir darauf Lust haben, eine Handvoll liebeskranker Popsongs, die bereits als Playlist auf meiner Webseite zu finden sind. Ein bunter, unterhaltsamer Sommerstrauß also.

Am Samstag, dem 13. September findet dann das Loretto-Fest statt. Nachdem ich letztes Jahr wegen anderer Aktivitäten passen musste, bin ich dieses Mal freilich wieder mit dabei. Das Antiquariat ist ab 14 Uhr geöffnet und wartet auf Gäste, und jeweils um 16 und 18 Uhr führt Anna Rosenfelder vom Theater Papilio im Buchlounge-Bereich das ca. 40minütige Stück „Die Mondtücher“ (nach F.K. Wächter) für alle ab 4 Jahren auf. Außerhalb dieser Zeiten kann der Bereich gerne von den jungen Eltern unter Euch zur Kinderversorgung abseits des Festtrubels genutzt werden.

Und schließlich: Am Sonntag, dem 28. September halte ich in Böblingen im Rahmen der Abschlussveranstaltung der aktuellen Ausstellung „Vertraute Fremde“ um 16 Uhr einen kleinen Vortrag mit Musik zum Thema Exotica. Dem folgen zwei Performances, und danach lege ich noch ein bisschen Musik auf und es gibt Drinks. Den Flyer zur Ausstellung findet Ihr hier: Folder Boeblingen_Vertraute Fremde

Druckversion der Einladung: Buchlounge_Irgendwas mit Musik

Playlist # 1: …und wir lieben uns trotzdem!

Wahre Liebe

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und ein Ende. Und genauso wohnt jedem Ende ein Zauber inne – und ein Anfang. Beweis gefällig? Hier eine Liste von sieben großartigen, deutschsprachigen Abschieds- und Oder-vielleicht-doch-nicht so-ganz-Abschieds-Songs. Ideal zu hören in dieser Abfolge, viel Spaß!:

Die Crazy Girls: Lass Dir Zeit (Walk Don’t Run)
(V.A.: Surfin’ Germany; Bear Family Records 1989; im Original eine EMI/Columbia-Single in den späteren 1960ern)

Andreas Dorau: Gehen (Baby Baby)
(Todesmelodien; Staatsakt 2011)

Heidelinde Weis: Vorbei, vorbei!
(So sing ich; Intercord 1975)

Stereo Total: Schön von hinten
(monokini; Bungalow 1997)

F.S.K.: Gute Nacht
(Akt, eine Treppe hinabsteigend; Buback Tonträger 2012)

Max Raabe: Als ich Dich wollte
(Für Frauen ist das kein Problem; Palast Musik/Universal Music 2013)

Der Plan: Wenn wir beide auseinander gehen
(Die Peitsche des Lebens; Ata Tak 1990)

Der Samtene Untergrund

Banane_gelbThe Velvet UndergroundBanane_grün

Wäre ich nebenbei auch ein monetär reicher Mann, käme ich momentan vermutlich in die Versuchung, mir via eBay USA das „The Velvet Underground Scepter Studios Sessions“ Acetat von 1966 zu kaufen – eines von angeblich zwei bekannten Exemplaren (das andere soll Moe Tucker besitzen). Dabei handelt es sich um eine Testpressung des ersten Albums von The Velvet Underground & Nico, wie es ursprünglich geplant war, in alternativer Song-Abfolge und mit einigen der Songs in alternativer Abmischung (Toningenieur: John Licata; Aufnahmeleitung: Norman Dolph, der dafür ein Bild von Andy Warhol erhielt – auf lange Sicht sicherlich kein schlechter Tausch) – alles in allem deutlich rauer als das 1967 dann tatsächlich veröffentlichte Album.

Mir bekannte Veröffentlichungen dieses Acetats* sind eine eher inoffizielle Veröffentlichung um 2011/12 herum (einzige Angabe: XTV-122, angelehnt an die handschriftliche Original-Bezeichnung XTV 122 402 des Acetats) – sehr schön das Original-Cover des dann 1967 tatsächlich erschienenen Albums paraphrasierend (s.o.) – und eine offizielle CD-Veröffentlichung im Rahmen der „45th Anniversary Super Deluxe Edition“ (eben des regulären Albums) 2012 sowie auf Vinyl zum Record Store Day im selben Jahr. Von welchem Original sie auch immer stammen mögen (die offiziellen Veröffentlichungen angeblich von Moe Tuckers Exemplar), vermutlich wurde in allen Fällen etwas nachbearbeitet. Da ich das XTV-Repro auf der Buchlounge im April 2012 spielte, es da aber sicherlich schon einige Monate in meinem Besitz hatte, stammt es allerhöchstens von den Mastern der (mir bislang nicht zu Ohren gekommenen) „Deluxe Edition“. Im Vergleich zur RSD-Vinyl-Version klingt diese Pressung jedenfalls gleichzeitig schärfer und düsterer, also besser, und die zweite Seite beginnt im Gegensatz zur RSD-Version mit deutlichen Nebengeräuschen, die vom Original herstammen müssen.

Und das eine Original wäre nun, nach einem zuerst erfolglosen Versuch, es zu versteigern (s.u.), für 100.000 Dollar käuflich zu erwerben. Man darf auch Alternativ-Angebote abgeben… (Die, bis dato, vier eingegangenen Angebote wurden allesamt abgelehnt.) Angeblich hat das Acetat der Sammler Warren Hill ursprünglich 2002 für 75 Cent auf einem Straßenflohmarkt in New York erstanden, was für mich ziemlich nach einer „Urban Legend“ klingt. 2006 übernahm es auf einer Online-Auktion der jetzige, anonyme Besitzer für 25.200 Dollar, der es, eigenen Angaben nach, umgehend in ein Bankschließfach einlagerte, da er das Acetat als „Investition“ betrachtete. Und im Juli dieses Jahres kam es also wieder auf den Markt.

Der erste Versuch einer Online-Auktion endete am Montag, den 28. Juli 2014 um 17 Uhr (MESZ). Den Termin hatte ich mir fett im Kalender eingetragen, weil ich auf ein sensationelles Bieter-Feuerwerk hoffte. Und was passierte, an diesem Tag, um dieser Uhrzeit, bei dieser Auktion? Ca. zwei Sekunden vor Ende der Auktion sprang das letzte, tagelang stockende Angebot von 6000plusirgendwas Dollar auf 14.550 Dollar. Und das war’s dann. Und da saß ich nun – einerseits enttäuscht, andererseits aber auch mit einem unglaublich befriedigten Lächeln im Herzen: Recht geschehen, The Velvet Underground darf man schlichtweg nicht als merkantile „Investition“ betrachten! Schließlich haben wir es hier mit der definitiv größten Band aller Zeiten (sic!) zu tun, von der bereits Cher sagte: „Es ist kein Ersatz für irgendwas – außer vielleicht für Selbstmord.“** Oder mit Lou Reeds eigenen Worten:

„Jenny said when she was just five years old
There was nothing happenin’ at all
Every time she puts on the radio
There was nothing goin’ down at all, not at all
Then one morning she puts on a New York station
You know, she couldn’t believe
What she heard at all
She started shakin’ to that fine fine music
You know, her life was saved by rock’n’roll.”

Ja, und ungefähr so haben auch wir Pop-Zöglinge Mitte der 1980er-Jahre von The Velvet Underground erfahren. Damals, als es noch SWF 3 und SDR 3 gab, und auf einem der Sender, wenn ich mich recht entsinne, regelmäßig mittwochs gegen 20 Uhr, eine Stunde lang eine Sendung mit Alternative-Charts lief, bei der man u.a. Bands wie The Jesus and Mary Chain, My Bloody Valentine oder The Feelies zu hören bekam, über die man dann unweigerlich auf The Velvet Underground aufmerksam wurde.

Yeah, you know, our life was saved by Rock’n’Roll…

Daher, liebe Brüder und Schwestern, zieht hinaus in die Welt und besorgt Euch alles, was Ihr von The Velvet Underground finden könnt. – Am besten auf Vinyl, sonst kommt eventuell der Geist von Lou Reed und verflucht Euch mit Metal Machine Music. (Ganz großes Album – leider nur ganz selten auch so gewürdigt. Ich denke, nur noch „Philosophy of the World“ von den Shaggs macht einem das Hirn derart frei. Sprich: Großartige Chill-out-Musik!)

Update 20. August: Inzwischen wäre das Acetat mit 20 % Rabatt, sprich für 80.000 Dollar, zu haben. Ich überlege noch… :-)
Update Mitte September: „Sonderangebot“ wieder zurückgenommen, inzwischen 14 abgelehnte Alternativangebote.
Update Ende September: Bisherige Alternativangebote gelöscht; nun mit 25 % Rabatt, also für 75.000 Dollar, im Angebot.
Update Mitte Oktober: Der Festpreis wurde inzwischen auf 65.000 Dollar heruntergesetzt. Ich schätze, dass wird noch zu einem kleinen Lehrstück in Sachen „Wertanlage“. Der aktuelle Besitzer hat die Betonung wohl ein bisschen zu sehr eben darauf gelegt und damit potentielle Interessenten an dem wirklichen, dem musikalischen Artefakt ziemlich verärgert.
Update 28. Oktober: Erneut um 25 % reduziert, aktueller Preis damit 48.750 Dollar.
5. November 2014: Zu diesem Preis verkauft.

Anmerkungen:
*Acetat: Direkt geschnittene Schallplatte, die quasi im Umkehrprozess des Abspielens einer regulären Schallplatte entsteht, also nicht per Pressung, sondern direkt in den Tonträger graviert wird. (Siehe dazu auch eine Szene im Film „Die Marx Brothers im Kaufhaus“.) Auf Grund der dementsprechenden Materialeigenschaft des Tonträgers verliert ein Acetat mit jedem Abspielen an Qualität. Acetate wurden einzig zu Demonstrationszwecken erstellt, insbesondere um eine Plattenfirma für eine Single/ein Album zu finden, gegebenenfalls auch auf dem Umweg über DJs, die Acetate erhielten, um eine Song via Radio populär zu machen.
** Zitierte nach der Umschlag-Rückseite von: Victor Bockris / Gerard Malanga: up-tight. Die Velvet Underground Story, Sonnentanz-Verlag, Augsburg 1988 (2. Aufl. 1989)

Alle Abbildungen aus meinem Archiv:
Original-Cover der ersten LP und das Cover des besagten Bootlegs.
Cover des Taschenbuchs „The Velvet Underground“ von Michael Leigh (Macfadden Books, New York 1963; hier 4th Printing, April 1965; auf deutsch erschienen als: Leigh-Report. Sexuelles Gruppenverhalten in den USA, Hohwacht Verlag, Bad Godesberg 1965), nach dem sich die Band, die bis dahin nur unter dem Namen des Gesamtkunstwerks „Exploding Plastic Inevitable (Show)“ mitlief, benannte.

P.S.: Während ich dies schreibe läuft, nein, eben nicht The Velvet Underground, sondern die LP „Searching for the Young Soul Rebels“ von den Dexys Midnight Runners (eine andere Geschichte), die auch schon ziemlich runtergenudelt ist. Und da kam mir in den Sinn, dass das Knistern einer alten Schallplatte im Prinzip nichts anderes als die akustische Konkretisierung der elektrischen Erinnerungsfunken, die beim Hören zwischen den Gehirnsynapsen hin und her blitzen, über die Lautsprecher der Musikanlage ist.

Du schockst mich, ich schock Dich

Der Schriftfuehrer

Am 26. Februar 2014 wurde vom Europäischen Parlament auf 2016 hin die Einführung von „bildlichen Hinweisen“ (umgangssprachlich: „Schockbildern“) auf Zigarettenschachteln beschlossen. Da mir diese ständige und gleichzeitig so oft sinnlose Bevormundung durch Staat und Behörden ziemlich auf die Nerven geht, habe ich mir gedacht, ich verfasse mal eine kleine Petition zu diesem Thema unter der Überschrift „Fundamentale Unzulänglichkeiten im Beschluss zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln“ und reiche sie beim EU-Parlament ein. Zurück geht die Idee auf ein paar Momente skurriler Partylaune auf einer Geburtstagsfeier, aber im Gegensatz zum entsprechenden EU-Ausschuss habe ich diese Idee danach konsequent ethisch zu Ende gedacht.

Vor einigen Tagen habe ich die Bestätigung bekommen, dass die Petition unter der Nr. 1625/2014 ins Register aufgenommen wurde, sprich sie ist jetzt offiziell. Über die Zulässigkeit muss noch entschieden werden, das sollte aber nur Formsache sein, da sie selbstverständlich in den Tätigkeitsbereich der EU fällt. Danach müsste die Petition den Statuten zufolge eigentlich in alle Parlamentssprachen übersetzt und bei einer der kommenden Sitzung des Petitionsausschusses vorgetragen werden. Gleichzeitig sollte ich über den Verlauf in Kenntnis gesetzt werden.

Schaun wir also mal, wie sie so funktioniert, unsere Demokratie. Gerne informiere ich Euch über den Fortgang der Geschichte. Hier vorerst das Original-Werk: Petiton zur Einführung von bildlichen Hinweisen auf Zigarettenschachteln

Zwischenzeitliches Update: Ein gutes Jahr nach Einreichung meiner Petition, am 29. Juli 2015, erhielt ich eine Bestätigung, dass sich der Petitionsausschuss nun mit meinem Schreiben auseinandersetze und es darüber hinaus an den „Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit“ zur Information weitergeleitet habe. Hier das Originalschreiben aus Brüssel: Petition_in Bearbeitung

Finales Update: Am 18. Februar 2016 erhielt ich die Nachricht, der Petitionsausschuss habe sich in einer Sitzung am 12. November 2015 abschließend mit dem Sachverhalt auseinandergesetzt, mit dem Ergebnis, dass nichts weiter zu unternehmen sei. Hier noch die zusammenfassende Stellungnahme, die am 26. August 2015 an die Mitglieder des Petitionsausschusses erging: Stellungnahme der Kommission an den Petitionsausschuss

Alles weitere demnächst an Ihrer Supermarktkasse.

Die „tabustrierte“ und die Sexbombe

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Auf einem Büchermarkt habe ich einmal eine kleine satirische Alternativpublikation namens „tabustrierte“ gefunden, die im ersten Jahrgang 1954 in Köln von Erich Denker, Ludwig und Hans Herbert Blatzheim sowie Magda Schneider herausgegeben wurde. Ich besitze das 4. Heft dieses ersten Jahrganges, die „superbombensondernummer“. Das 16-seitige Heft, der Text ist durchgehend in Kleinbuchstaben gehalten, lässt sich zur Hälfte von vorne, zur anderen Hälfte von hinten lesen, besitzt damit also auch zwei Titelblätter. Auf dem einen Titelblatt ist das Photo zweier Models auf einem Schiff abgebildet, das Bild trägt die Bildlegende „wasserstoffbombe“. Auf dem anderen Titelblatt findet sich ein sitzendes Pin-up-Model, die Legende lautet hier: „radioaktive sexbombe mit richtstrahler nach übersee“. Auch ein großer Teil der Texte und weiterer Bildlegenden spielt mit den Begriffen Sexbombe und Atom- bzw. Wasserstoffbombe. Repräsentativ für den satirisch-protestierenden Unterton mag folgendes Zitat aus dem leid-artikel stehen: „dieweilen dieses heft ansonsten der freude gewidmet ist, ziemet es sich kaum angesichts der ungestümen fortschritte einer wildgewordenen technik, einen freud-artikel zu schreiben. lasset uns wehmütig hinter uns blicken in jene zeiten, da man wasserstoff nur in superoxydierter form zum bleichen weiblichen haarschmuckes verwendete.“

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Der Begriff „Sexbombe“ wurde meinen Recherchen nach tatsächlich um 1950 in Deutschland geprägt. Dr. Heinz Küpper merkt zwar in „Handliches Wörterbuch der deutschen Alltagssprache“ (Hamburg/Düsseldorf 1968) an, der Begriff sei um 1950 aus Nordamerika übernommen worden, aber aus der ausführlichen Version „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ (Stuttgart/Dresden 1987) nahm er diesen Verweis wieder heraus. Der Begriff ist eine Zusammensetzung des 1945 aus dem Englischen übernommenen Wortes „Sex“ und der in Deutschland bereits seit 1930 gebräuchlichen Bezeichnung „Bombe“ für eine „Frau mit üppig entwickeltem Busen“ (ebd.: 122). In amerikanischen Slang-Wörterbüchern konnte ich den Begriff nicht finden, daher nehme ich an, dass der Begriff erst seit Tom Jones Hit „Sex Bomb“ von 1999 auch im englischsprachigen Raum wirklich populär ist.

Tamburin. Tanz und Schönheit in aller Welt

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Ein aktueller Neuzugang in meiner kulturwissenschaftlichen Sammlung sind zwei Ausgaben der Zeitschrift „Tamburin. Tanz und Schönheit in aller Welt“ von 1950. Herausgegeben wurden sie im Tamburin-Verlag Karl Hofmann, Schorndorf bei Stuttgart von eben Karl Hofmann, Redaktion: Robert Jeserich und Carl Rinke.

Nicht nur sind sie ein schönes Beispiel dafür, wie es bereits in beginnenden Wirtschaftswunder-Zeiten offensichtlich möglich war, in Eigenregie solche Kleinzeitschriften zu allen möglichen kulturellen Themen zu veröffentlichen – im Prinzip Vorläufer zu Blogs wie diesem –, sondern auch wie sich über solche künstlerischen Zeitschriften nach und nach die Aktphotographie wieder in den öffentlichen Alltag einschlich. Bereits in der Urzeit der Photographie war es ja Usus, photographische Aktdarstellungen als „Vorlagen für Künstler“ zu vervielfältigen und zu publizieren. Nicht umsonst also trägt diese Zeitschrift das „und Schönheit“ im Untertitel.

In diesen beiden Ausgaben findet sich u.a. eine recht zusammenhanglos eingefügte Photographie von Werner Schmölcke. Schmölcke publizierte später, in den 1960ern vier Bände mit Aktphotos beim Hans E. Günther Verlag in Stuttgart – derzeit neben der Europäischen Bücherei Hieronimi, Bonn wohl einer der wichtigsten deutschen Verlage für Erotika und Sittengeschichte. Zahlreiche weitere Akte, immerhin thematisch im Bereich Tanz verortet, stammen von Sigfried Enkelmann, der zuerst als Autodidakt, ab 1927 dann als Schüler und später enger Mitarbeiter von C.M. Nolte in Berlin tätig war und an dessen photochemischen Versuchen mitwirkte. Enkelmann galt derzeit als Spezialist auf dem Gebiet der Bewegungsaufnahme.

Eine kurze Photostrecke ist darüber hinaus im Heft 5/50 Rosita Perez gewidmet, die mit Tanz wohl nur insofern zu tun hatte, dass sie Teil einer gewissen „Paris-Floor-Show“ war, wohl einen Revue, – diese ist zudem ein schönes Beispiel für 1950er-Exotica (Photos: Keystone) :

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Neben Artikeln zum Bereich des klassischen Balletts und der Geschichte des Tanzes finden sich Artikel wie „Über die Pikanterie. Versuch, deren Reiz einer Tänzerin zu offenbaren“, „Cancan – Rausch des Dessous. Ein Reiztanz vom Fasching neu belebt“ oder „Kleine Weltgeschichte des Nachtlokals“ die für eine höfflich-dezent libertine Lebensweise stehen, ebenso wie Aphorismen und Zitate die unter den (in diesen Heften) Überschriften „Weisheit des Sinnlichen“ und „Liebes-Spielereien“ versammelt sind. Zwei dieser Weisheiten, von Wendelin Ueberzwerch, mögen beispielhaft als Abschluss diese Eintrags stehen, da sie den Geist dieser Magazine recht gut wiedergeben: „Die Sinne sind die Jakobsleiter zum Himmel der Liebe.“ Und: „Es ist eine erhabene Sache, daß man die Keuschheit in Gestalt einer nackten Göttin darstellen kann. Schmutzfinken werden so etwas nie verstehen.“

(P.S.: Ausführliches zur Sexual- und Sittengeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich übrigens hier auf dieser Webseite in den entsprechenden Kapiteln meiner Arbeit „Pop, Anarchie und Zeitgeist“.)

Die Knef, Der Stern und Der Apfel ist ab

Aus dem Paradies

Am 1. August 1948 erschien im Verlag Henri Nannen GmbH, Hannover, unter Zulassung Nr. 109 der Militärregierung und mit einem Verkaufspreis von 40 Pfennig das 16-seitige 1. Heft im 1. Jahr der Zeitschrift „Der Stern“ – damals noch mit dem Untertitel „Illustrierte Zeitschrift für junge Menschen“. Interessant bei letzterem die typographische Hervorhebung des Wortes „Illustrierte“, das sich ab dem frühen 20. Jahrhundert als fester Topos durchgesetzt hat, als nach und nach verstärkt Zeitschriften wie die „Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ)“ publiziert wurden. Und wie man dem Impressum entnehmen kann, war der Stern die Nachfolge-Zeitschrift des „Zick Zack“ – marketingtechnisch sicherlich eine kluge Namensänderung.* (Ach ja, und für die Leser in der Zukunft: „Pfennig“ war mal eine Währungsform in einem Zeitalter, das man heute als „Digitale Steinzeit“ bezeichnen könnte…)

Auf dem Titelbild (Achtung: Partywissen für Fortgeschrittene!): Hildegard Knef und der Kommentar: „Der Stern unserer Zeit ist kein extravaganter Star. Natürliche Anmut bewundern wir an Hildegard Knef.“ – Sehr apart gesagt.

Auf der Rückseite ein satirischer Artikel zu den Vorkommnissen um den damaligen Skandalfilm „Der Apfel ist ab“ (Regie: Helmut(h) Käutner; als Adam und Eva: Bobby Todd und Bettina Moissi), der die Vertreibung aus dem Paradies satirisch thematisiert – was von Anfang an auf Widerstand von Seiten der Kirche, wohl insbesondere der katholischen, stieß. Bei den Dreharbeiten zum Film schlich sich ein junger Mann in den Mitarbeiterstab ein, der dann ein Drehbuch entwendete und sich schließlich als Münchner Jesuitenpater Gritschneder entpuppte. In der Folge kam es zu köstlichen Auseinandersetzungen zwischen Käutner und der Katholischen Kirche:
Käutner drohte, den Diebstahl anzuzeigen, woraufhin ihm zugesichert wurde, die Kirche würde keine Einwände gegen den Film erheben, würde Käutner auf die Anzeige verzichten. Aber es stellten inzwischen alle auf Stur, so dass es bis hin zu Eingaben an die Militärregierung und zu öffentlichen Protesten kam. Ein Versuch zur Versöhnung von Seiten Käutners, in Form einer Einladung an den Münchner Bischof zu den Dreharbeiten, endete damit, dass ausgerechnet besagter Pater Gritschneder zu dem Termin erschien, der bei der Gelegenheit von Käutner wild beschimpft worden sein muss. Jedenfalls wurde nun wiederum Käutner von Seiten des Münchner Klerus wegen Beleidigung und Verleumdung angezeigt. Käuter drohte schließlich damit, Deutschland zu verlassen und ein Angebot nach Hollywood anzunehmen – was er dann doch nicht tat und stattdessen irgendwie den Film fertigstellte.
Zurück geht der Film übrigens auf ein 1935 verfasstes Programm des akademischen Kabaretts „Die Nachrichter“ (Käutner war eines der Mitglieder), das nicht mehr aufgeführt werden konnte, da die Truppe einem Verbot der Nazis zum Opfer fiel. 1938/39 kürzte Käutner das Stück zu einem Einakter, das durch das „Kabarett der Komiker“ zur Aufführung kam. Der Film wiederum basiert auf dem ursprünglichen Programm, wobei Bobby Todd der einzige „Nachrichter“ war, der als Schauspieler mitwirkte.

Der Inhalt des Stern-Hefts ist eine, wie man so schön sagt, bunte (wenn auch derzeit nur in Duoton gedruckte) Mischung von Artikeln. Neben ein bisschen Tratsch und Klatsch, Sport und Prominenz, reflektiert die Mehrheit der Beiträge die politische und soziale Situation im Nachkriegsdeutschland. So z.B. der Artikel „‘Heim ins Reich‘ – Arm ins Heim“ über Kriegsheimkehrer oder der als Fortsetzung angekündigte Bericht „Versuch’s noch mal mit uns“ (Copyright Rowohlt-Verlag Stuttgart, also derzeit auch als „Rohwohlt Rotations Roman (RO-RO-RO)“ erschienen – diese waren zuerst im Format und auf dem Papier von Zeitungen gedruckt, später im Taschenbuch-Format) von Dieter Meichsner über seine Zeit als sogenannter „Werwolf“, also faschistischer Endkämpfer in den letzten Kriegsmonaten. Außerdem, unter der Überschrift „Hat die deutsche Frau Versagt?“, ein sehr interessanter Kommentar einer Journalistin, die sich Jo nennt, den wiederum ein ausführlicher Kommentar der Redaktion begleitet. In ihm widmet sich Jo moralischen Fragen, primär dem „Verhalten der Geschlechter zueinander“ und insbesondere den kontrovers diskutierten bis stark angefeindeten Beziehungen deutscher junger Frauen zu farbigen GIs. Dabei kommt sie zu diesem bemerkenswerten Schluss:

„Würde er (gemeint ist der männliche Kritiker; MB) sich aber die Mühe machen, jene Mädchen zu fragen (wie wir es getan haben), so würde er hören, daß die einfache menschliche Güte, die Hilfsbereitschaft und Zartheit gerade dieser amerikanischen Bürger verbunden mit ihrem aus eigener Erfahrung stammenden Verständnis für unsere Not ihnen die Neigung der deutschen Mädchen gewonnen hat.
Krankt nicht das deutsche Familienleben seit langem am falschen Heroismus, an der sogenannten ‘Sachlichkeit‘, an der Rücksichtslosigkeit, am Grobianstil? Ja, darüber sollte man nachdenken, man käme dann vielleicht vom gegenseitigen Sichbeschuldigen zu einem neuen besseren Miteinanderleben.“

Dies scheint mir ein guter Hinweis, dass man die Entstehung des faschistischen Terrors auch mit patriarchalen Familienstrukturen und der Erziehung zum bedingungslosen Gehorsam zusammendenken muss.

* Erst vor Kurzem stieß ich auf die Publikation „Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern. Zwei deutsche Illustrierte und ihre gemeinsame Geschichte vor und nach 1945“ (Herbert von Halem Verlag, Köln 2014) von Tim Tolsdorff, in der der Autor detailliert die tatsächliche Entstehungsgeschichte, und vor allem auch die von Henri Nannen selbst betrieben Legendenbildung darum herum, dokumentiert und diskutiert. Empfehlung!

(Anmerkung: Ursprünglich sollten diesen Artikel Scans der Titel- und der Rückseite begleiten. Vorsichtshalber bat ich beim Stern um eine Genehmigung, die mir von einer Dame vom Leser-Service leider rasch und bestimmt, aber – wie ich hervorheben möchte – sehr freundlich verweigert wurde, da de Stern grundsätzlich keinen Inhalt des Stern für die Internet-Nutzung außerhalb der Websites des Verlags freigebe. – Ja, der redlich arbeitende Kulturwissenschaftler hat es schwer… Eine Ansicht der betreffenden Seiten ist also nur in situ, bei einem Glas Wein und, wenn gewünscht, einer Schallplatte der Knef möglich – auch nett!)

13 qm Bulletin No. 1 – Schubladenliteratur

Cover Bulletin 1

Die erste Buchlounge unter diesem Namen – das erste Bulletin.

Normalerweise werden die Bulletin-Innenseiten von mir in alter Fanzine-Manier ausgedruckt/kopiert/zusammengeklebt, im Copy-Shop s/w vervielfältigt, in einen jeweils anderen Umschlag eingelegt (zurechtgeschnitten z.B. aus Test-Druckbögen oder Andrucken) und per Hand mit dem klassischen Dreipunkt-Buchbinder-Stich zusammengenäht.

Aber hier nun das erste Heft mit Scans digital nachgebaut: 13 qm Bulletin 1_Schubladenliteratur