Carnival of Souls

Pere Ubu - Carnival of SoulsUbu

Vor wenigen Tagen erschien mit „Carnival of Souls“ (Fire Records) das 18. Album von Pere Ubu – in deren inzwischen 40jährigen Band-Historie. Und es ist ein großartiges Album geworden, das einen in einen ganz besonderen Sound-Kosmos entführt, aber ganz anders als beispielswiese das Vorgängeralbum „Lady from Shanghai“. Beim aktuellen Album ist deutlich zu spüren, dass es kollektiv aus gemeinsamen Improvisationen und Soundexeperimenten heraus entstand, also wie aus einem Guss. Eine zusätzliche, sehr lyrische Ebene fügt das Klarinettenspiel von Darryl Boon dem Ganzen hinzu. Ich bin beeindruckt.

Obwohl auf Basis einer Live-Performance zu dem Film „Carnical of Souls“ (1/2) entstanden, besagt ein Aufkleber auf dem Cover der LP: „No. The Album is not about the movie. (…)“ Und auf der Cover-Rückseite heißt es: „It’s about a guy by a river. After awhile he takes some clothes off and jumps in the water. He drops to the bottom where he looks up and watches the moon as he’s dragged downstream for as long as he can hold his breath.” Damit paraphrasieren Pere Ubu von einer anderen Seite her einen Moment der Kurzgeschichte von Ambrose Bierce.

Zwischen die Songs sind ca. einminütige, „Strychnine“ benannte Klancollagen eingestreut (zumindest in der Vinyl-Version, die CD-Version beinhaltet stattdessen ein zwölfminütiges, abschließendes Stück; der beiden Versionen beiliegende Download-Code ermöglicht einem den Zugang zu einer Version, die beides beinhaltet). Zum fünften „Strychnine“-Intermezzo heißt es in den Linernotes, es enthalte einen Morsecode, der „Merdre Merdre“ laute. Das ist freilich ein famoser selbstreferenzieller Einfall (3), ganz auf der Ebene des (Sound-)Humors, der sich von Anfang an durch das Pere Ubu-Werk zieht – etwa, wenn David Thomas in einem der frühesten Stücke, „Final Solution“ von 1976, singt: „Guitars gotta sound like a nuclear destruction“ und dann den Bruchteil einer Sekunde später, anstatt des zu erwartenden Gitarrengewitters, der diesen Song bislang begleitende Gitarren-Krach abricht und für drei Sekunden einer Stille Platz macht, deren Bedrohlichkeit durch ein minimales Hintergrundgeräusch, wie der ferne Nachklang einer Explosion, zusätzlich gesteigert wird.

Beim zweiten, dritten Durchhören des Albums wurde mir plötzlich auch klar, warum ich diese Art von Musik derart liebe: Geräusche repräsentieren schlichtweg das Leben! Das mag im ersten Moment vielleicht seltsam klingen, aber je mehr man sich mit solcher Musik auseinandersetzt, desto mehr wird einem klar, dass hier ein Prozess einsetz, der einen befähigt, die Umweltgeräusche als Sounds oder Quasi-Musik und damit als Musik der Lebenswirklichkeit wahrzunehmen und zugleich Musik, die mit diesen Elementen arbeitet, als Repräsentation der Lebenswirklichkeit (vgl. dazu insbesondere John Cages Komposition „4:33“).

In diesem Sinne: Hört dem Leben zu!

Anmerkungen:
(1) „Carnival of Souls“ (dt.: Tanz der toten Seelen) ist ein Low-Budget-Horrorfilm von 1962. Je nach Angaben wurde der Film mit einem Budget irgendwo zwischen 17 und 33 Tausend $ gedreht. Regie führte Herk Harvey, Hauptdarstellerin war Candace Hilligoss, die eine Ausbildung am Institut von Lee Strasberg absolviert hatte. Die übrigen Darsteller waren größtenteils Amateure, die immer wieder auftauchende Erscheinung wurde von Herk Harvey selbst gespielt.
Angeblich war Harvey bei einem Aufenthalt in Salt Lake City von der Stimmung in dem dortigen, verlassenen Saltair-Pavillon so beeindruckt, dass er zusammen mit John Clifford das Konzept zu diesem Film entwickelte. Das Drehbuch ist angelehnt an eine Kurzgeschichte von Ambrose Bierce (am bekanntesten von ihm ist wohl „Des Teufels Wörterbuch“), die z.B. unter dem deutschen Titel „Die Brücke über den Eulenfluss“ zu finden ist in: A.B.: Das Spukhaus. Gespenstergeschichten, Insel Verlag/Bibliothek des Hauses Usher (hrsg. von Kalju Kirde), Frankfurt am Main 1969.
Musikalisch bezug auf den Film nahmen auch Combustible Edison mit dem gleichnamigen Stück auf ihrem Album „I, Swinger“ (Sub Pop/City Slang, 1994).
(2) „Carnival“ darf keinesfalls gleichgesetzt werden mit den deutschen Begriffen Karneval/Fasching. Vielmehr muss es der Wortgruppe „Freak Show“ oder „Side Show“ (vgl. auch „Side Show Bob“ bei den „Simpsons“) zu-, also in den Kontext der obskuren Jahrmarkts-Attraktionen eingeordnet werden. Dort (re)präsentierten „Carnival Shows“ stets das seltsame, fremde und auch verstörende Andere.
Informationen erster Hand dazu bieten beispielsweise die Bücher von Daniel P. Mannix, selbst Feuer- und Schwertschlucker: Memoirs of a Sword Swallower; im Original von 1952; Ausgabe in meinem Archiv: Braniac Books, London 1992, mit eine Vorwort von Hershell Gordon Lewis – a.k.a. „King of Gore“. Und: Freaks: We Who Are Not Like Others; im Original 1976; Neuausgaben bei Re/Search, Publishers: Andrea Juno and V. Vale, San Francisco 1990ff – hey, zwei Exemplare aktuell in meinem Antiquariats-Bestand verfügbar!
In den 1970ern fanden diese Begrifflichkeiten dann auch Einzug in queere Subkulturen, am besten derzeit wohl repräsentiert in der Publikation: Charles Gatewood/William S. Burroughs: Sidetripping, Strawberry Hill Publishing Co. Inc., New York 1975; siehe auch: C.G.: Badlands. Photographs, Goliath, Frankfurt am Main1999.
(Interessant im etymologisch-sprachalchemistischen Sinne ist in Bezug auf C.G., dass ausgerechnet jemand mit dem Namen „Gatewood“ – meines Wissens nach kein Pseudonym –, also „TorWald“, sich photographisch mit diesen Grenzbereichen auseinandersetzt. Denn etymologisch lässt sich „Hexe“ ableiten von „hagazussa“, wobei „hag“ „Zaun, Hecke, Gehege“ bedeutet und „zussa“ in manchen Herleitungen im Sinne von „sitzend“ verstanden wird. Damit wäre die Hexe eine Person, die auf dem Zaun sitzt, also Vermittlerin ist zwischen Zivilisation und Wildnis – womit die Rolle dieser Frauen mit einem außergewöhnlichen Wissen sehr gut umschrieben wäre. In diesem Sinne wäre also Gatewood ebenfalls jemand, der das Tor zu der Wildnis, die weiterhin in unsere Zivilisation mit eingeschlossen ist, aufstößt.)
(3) Pere Ubu benannten sich nach der Hauptfigur des Theaterstücks „Ubu roi“ von Alfred Jarry (1873–1907, Anti-Bourgeois, Erfinder der Pataphysik und bis zu seinem Tode passionierter Fahrradfahrer). Ubus initialer Ausruf „Merdre!“ (im Deutschen übersetzt mit z.B. „Schreiße!“ oder „Scheitze!“) führte bei der Erstaufführung 1896 zu minutenlangen Tumulten. – Vor ca. 25 Jahren hatte ich die Gelegenheit, Jarrys ehemaligen Wohnraum in Paris, 7 Rue Casette zu besichtigen, ein ca. 1,5 Meter hohes Zwischengeschoss zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk. Der Raum, in dem sich noch immer ein altes Waschbecken und ein eisernes Bettgestell befanden, war nun Lagerraum der Buchhandlung Librairie Andrillon, und auf meine Nachfrage in eben dieser führte mich einer der dortigen Buchhändler freundlicherweise hinauf. Auf Grund der Raumhöhe konnte ich nicht anders, als mich nicht nur innerlich sondern auch körperlich vor dem Geist von Monsieur Jarry zu verneigen… Den Hinweis auf den Wohnraum hatte ich dem Buch „Adieu Paris. Literarische Lokaltermine“ von Ursula von Kardoff, Verlag Franz Greno, Nördlingen 1987 entnommen. – In diesem Jahr erschien auf Deutsch die umfangreiche Biographie „Alfred Jarry. Ein pataphysisches Leben“ von Alastair Brotchie im Piet Meyer Verlag Bern/Wien. – Die Darstellung Ubus oben in der Bildleiste stammt übrigens von Alfred Jarry selbst.

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