Der Samtene Untergrund

Banane_gelbThe Velvet UndergroundBanane_grün

Wäre ich nebenbei auch ein monetär reicher Mann, käme ich momentan vermutlich in die Versuchung, mir via eBay USA das „The Velvet Underground Scepter Studios Sessions“ Acetat von 1966 zu kaufen – eines von angeblich zwei bekannten Exemplaren (das andere soll Moe Tucker besitzen). Dabei handelt es sich um eine Testpressung des ersten Albums von The Velvet Underground & Nico, wie es ursprünglich geplant war, in alternativer Song-Abfolge und mit einigen der Songs in alternativer Abmischung (Toningenieur: John Licata; Aufnahmeleitung: Norman Dolph, der dafür ein Bild von Andy Warhol erhielt – auf lange Sicht sicherlich kein schlechter Tausch) – alles in allem deutlich rauer als das 1967 dann tatsächlich veröffentlichte Album.

Mir bekannte Veröffentlichungen dieses Acetats* sind eine eher inoffizielle Veröffentlichung um 2011/12 herum (einzige Angabe: XTV-122, angelehnt an die handschriftliche Original-Bezeichnung XTV 122 402 des Acetats) – sehr schön das Original-Cover des dann 1967 tatsächlich erschienenen Albums paraphrasierend (s.o.) – und eine offizielle CD-Veröffentlichung im Rahmen der „45th Anniversary Super Deluxe Edition“ (eben des regulären Albums) 2012 sowie auf Vinyl zum Record Store Day im selben Jahr. Von welchem Original sie auch immer stammen mögen (die offiziellen Veröffentlichungen angeblich von Moe Tuckers Exemplar), vermutlich wurde in allen Fällen etwas nachbearbeitet. Da ich das XTV-Repro auf der Buchlounge im April 2012 spielte, es da aber sicherlich schon einige Monate in meinem Besitz hatte, stammt es allerhöchstens von den Mastern der (mir bislang nicht zu Ohren gekommenen) „Deluxe Edition“. Im Vergleich zur RSD-Vinyl-Version klingt diese Pressung jedenfalls gleichzeitig schärfer und düsterer, also besser, und die zweite Seite beginnt im Gegensatz zur RSD-Version mit deutlichen Nebengeräuschen, die vom Original herstammen müssen.

Und das eine Original wäre nun, nach einem zuerst erfolglosen Versuch, es zu versteigern (s.u.), für 100.000 Dollar käuflich zu erwerben. Man darf auch Alternativ-Angebote abgeben… (Die, bis dato, vier eingegangenen Angebote wurden allesamt abgelehnt.) Angeblich hat das Acetat der Sammler Warren Hill ursprünglich 2002 für 75 Cent auf einem Straßenflohmarkt in New York erstanden, was für mich ziemlich nach einer „Urban Legend“ klingt. 2006 übernahm es auf einer Online-Auktion der jetzige, anonyme Besitzer für 25.200 Dollar, der es, eigenen Angaben nach, umgehend in ein Bankschließfach einlagerte, da er das Acetat als „Investition“ betrachtete. Und im Juli dieses Jahres kam es also wieder auf den Markt.

Der erste Versuch einer Online-Auktion endete am Montag, den 28. Juli 2014 um 17 Uhr (MESZ). Den Termin hatte ich mir fett im Kalender eingetragen, weil ich auf ein sensationelles Bieter-Feuerwerk hoffte. Und was passierte, an diesem Tag, um dieser Uhrzeit, bei dieser Auktion? Ca. zwei Sekunden vor Ende der Auktion sprang das letzte, tagelang stockende Angebot von 6000plusirgendwas Dollar auf 14.550 Dollar. Und das war’s dann. Und da saß ich nun – einerseits enttäuscht, andererseits aber auch mit einem unglaublich befriedigten Lächeln im Herzen: Recht geschehen, The Velvet Underground darf man schlichtweg nicht als merkantile „Investition“ betrachten! Schließlich haben wir es hier mit der definitiv größten Band aller Zeiten (sic!) zu tun, von der bereits Cher sagte: „Es ist kein Ersatz für irgendwas – außer vielleicht für Selbstmord.“** Oder mit Lou Reeds eigenen Worten:

„Jenny said when she was just five years old
There was nothing happenin’ at all
Every time she puts on the radio
There was nothing goin’ down at all, not at all
Then one morning she puts on a New York station
You know, she couldn’t believe
What she heard at all
She started shakin’ to that fine fine music
You know, her life was saved by rock’n’roll.”

Ja, und ungefähr so haben auch wir Pop-Zöglinge Mitte der 1980er-Jahre von The Velvet Underground erfahren. Damals, als es noch SWF 3 und SDR 3 gab, und auf einem der Sender, wenn ich mich recht entsinne, regelmäßig mittwochs gegen 20 Uhr, eine Stunde lang eine Sendung mit Alternative-Charts lief, bei der man u.a. Bands wie The Jesus and Mary Chain, My Bloody Valentine oder The Feelies zu hören bekam, über die man dann unweigerlich auf The Velvet Underground aufmerksam wurde.

Yeah, you know, our life was saved by Rock’n’Roll…

Daher, liebe Brüder und Schwestern, zieht hinaus in die Welt und besorgt Euch alles, was Ihr von The Velvet Underground finden könnt. – Am besten auf Vinyl, sonst kommt eventuell der Geist von Lou Reed und verflucht Euch mit Metal Machine Music. (Ganz großes Album – leider nur ganz selten auch so gewürdigt. Ich denke, nur noch „Philosophy of the World“ von den Shaggs macht einem das Hirn derart frei. Sprich: Großartige Chill-out-Musik!)

Update 20. August: Inzwischen wäre das Acetat mit 20 % Rabatt, sprich für 80.000 Dollar, zu haben. Ich überlege noch… :-)
Update Mitte September: „Sonderangebot“ wieder zurückgenommen, inzwischen 14 abgelehnte Alternativangebote.
Update Ende September: Bisherige Alternativangebote gelöscht; nun mit 25 % Rabatt, also für 75.000 Dollar, im Angebot.
Update Mitte Oktober: Der Festpreis wurde inzwischen auf 65.000 Dollar heruntergesetzt. Ich schätze, dass wird noch zu einem kleinen Lehrstück in Sachen „Wertanlage“. Der aktuelle Besitzer hat die Betonung wohl ein bisschen zu sehr eben darauf gelegt und damit potentielle Interessenten an dem wirklichen, dem musikalischen Artefakt ziemlich verärgert.
Update 28. Oktober: Erneut um 25 % reduziert, aktueller Preis damit 48.750 Dollar.
5. November 2014: Zu diesem Preis verkauft.

Anmerkungen:
*Acetat: Direkt geschnittene Schallplatte, die quasi im Umkehrprozess des Abspielens einer regulären Schallplatte entsteht, also nicht per Pressung, sondern direkt in den Tonträger graviert wird. (Siehe dazu auch eine Szene im Film „Die Marx Brothers im Kaufhaus“.) Auf Grund der dementsprechenden Materialeigenschaft des Tonträgers verliert ein Acetat mit jedem Abspielen an Qualität. Acetate wurden einzig zu Demonstrationszwecken erstellt, insbesondere um eine Plattenfirma für eine Single/ein Album zu finden, gegebenenfalls auch auf dem Umweg über DJs, die Acetate erhielten, um eine Song via Radio populär zu machen.
** Zitierte nach der Umschlag-Rückseite von: Victor Bockris / Gerard Malanga: up-tight. Die Velvet Underground Story, Sonnentanz-Verlag, Augsburg 1988 (2. Aufl. 1989)

Alle Abbildungen aus meinem Archiv:
Original-Cover der ersten LP und das Cover des besagten Bootlegs.
Cover des Taschenbuchs „The Velvet Underground“ von Michael Leigh (Macfadden Books, New York 1963; hier 4th Printing, April 1965; auf deutsch erschienen als: Leigh-Report. Sexuelles Gruppenverhalten in den USA, Hohwacht Verlag, Bad Godesberg 1965), nach dem sich die Band, die bis dahin nur unter dem Namen des Gesamtkunstwerks „Exploding Plastic Inevitable (Show)“ mitlief, benannte.

P.S.: Während ich dies schreibe läuft, nein, eben nicht The Velvet Underground, sondern die LP „Searching for the Young Soul Rebels“ von den Dexys Midnight Runners (eine andere Geschichte), die auch schon ziemlich runtergenudelt ist. Und da kam mir in den Sinn, dass das Knistern einer alten Schallplatte im Prinzip nichts anderes als die akustische Konkretisierung der elektrischen Erinnerungsfunken, die beim Hören zwischen den Gehirnsynapsen hin und her blitzen, über die Lautsprecher der Musikanlage ist.

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