Bericht einer Ferien-Fahrt mit dem Auto in die Schweiz im Jahr 1950

Titelseite_farbigInnenseite_farbigBenzinliste_farbig

Auf einem Flohmarkt in Böblingen fand ich vor einigen Wochen einen handschriftlichen Bericht einer Ferienreise in die Schweiz von 1950. Dieser wurde in einem einfachen, grauen, linierten DIN A5-Schulheft niedergeschrieben.
Das Titelblättchen auf dem Umschlag des Hefts und die ersten beiden Seiten sind mit einer anderen, schwerer lesbaren Handschrift geschrieben als der eigentliche Bericht, wobei (soweit ich das entziffern kann) auf den ersten beiden Seiten wohl auch nur die geplante Abfolge der auf der Reise zu durchfahrenen Orte festgehalten ist – zumindest ergibt sich die erste Differenz zum Reisebericht bereits bei der geplanten Abfahrtszeit (8 Uhr gegen 12:30 Uhr), und auch der für den vierten Tag der Reise geplante „Ruhetag“ fiel den Umständen der tatsächlichen Reise zum Opfer.
Innen auf der Umschlagseite findet sich die etwas kryptische Notiz „Ditzinger Flaschenbierhandel Guldmann lange Anwarte“ (die letzten drei Worte lese ich zumindest so), m.E. geschrieben in der Handschrift des ausführlichen Reiseberichts. Dieser beginnt auf Seite drei und nimmt insgesamt 14 ½ Seiten ein. Ganz hinten im Heft finden sich zudem Aufstellungen der täglichen Ausgaben sowie des Benzin- und Ölverbrauchs und der entsprechenden Kosten.

Die an der Reise Beteiligten sind namentlich nicht zu identifizieren, die Autoren des Berichts müssen jedoch aus Sindelfingen stammen. Auch wenn der Reise-Startort in beiden Texteilen mit Ebingen angegeben wird, so endet die Heimfahrt jeweils dort, im langen Bericht mit „Sdlfg.“ abgekürzt. (Das korrespondiert auch mit dem Fundort Flohmarkt Böblingen.)
Wie viele Personen an der Fahrt beteiligt waren, ist ebenfalls nicht ganz eindeutig zu entscheiden. Auf jeden Fall ein Ehepaar mit mindestens einem Sohn. Dazu kommt entweder eine weitere männliche Begleitperson oder ein Ehepaar – möglicherweise eben aus Ebingen stammend, was der Start und das zwischenzeitliche Ende der Reise nahelegen könnten. An einer Stelle des Berichts ist recht eindeutig von „der Ehefr. mit ihrem/n Jungen“ die Rede, gleichzeitig aber von „die Ehemänner“. Das „der“ entspricht in der Schreibweise eindeutig der desselben Wortes an anderen Stellen, könnte aber ein Schludrigkeitsfehler sein (davon finden sich einige in dem Bericht) und eben „den [Ehefr.]“ meinen. Dafür spricht zudem, dass am Ende des Heftes die Benzin- und Ölkosten durch vier geteilt werden – dass diese auf vier Erwachsene umgelegt werden, scheint mir nachvollziehbarer, als dass dies auf drei Erwachsene und ein Kind geschähe.

Die Reise selbst beginnt mit einer Enttäuschung, als beim Grenzübertritt in die Schweiz deutlich wird, dass nur 40 Mark anstatt der ursprünglich angenommenen 100 Mark in Schweizer Franken umgetauscht werden dürfen und das überzählige deutsche Geld beim Zoll eingelagert werden muss. Dementsprechend ist die ganze Reise von Geldmangel gekennzeichnet, den man aber immer wieder durch kluge Improvisation wettmacht. So bringt unsere kleine Reisegesellschaft es z.B. in Zermatt fertig, „soviel Deutsche“ zu einer Gruppe zusammenzubringen, dass man einen günstigeren Gruppenpreis für die geplante weitere Zahnradbahnfahrt zum Gornergrat aushandeln konnte. Auch die Quartiersuche gestaltet sich schwierig, und ein Mal zwingt eine Autopanne zu einem ungeplanten Aufenthalt. Unbeirrt von allem genießt die Gruppe jedoch die Reise, und der Bericht endet dementsprechend mit einem sehr positiven Gesamtfazit.

Den ganzen Bericht habe ich transkribiert und danach leicht redaktionell überarbeitet, ohne an der Ur-Version zu viel zu verändern. Korrekturen betreffen, der besseren Lesbarkeit wegen, insbesondere die Zeichensetzung, ganz eindeutige Grammatik- bzw. Rechtschreibfehler sowie ganz wenige gröbere Fehler im Satzaufbau, die ich versucht habe auszugleichen, ohne zu sehr in den Sprachduktus einzugreifen. Die ein oder andere nicht wirklich entscheidbare Stelle habe ich mit dem eventuell korrekten Wort oder auch nur einem Fragezeichen in eckigen Klammern kommentiert. Ebenso habe ich vermutlich fehlerhafte Ortsnamen per eckigen Klammern auf die mir bekannte, aktuelle Schreibweise hin korrigiert, wobei ich bei zwei Angaben von Berg-Pässen trotz gedrucktem Atlas und digitaler Suchmaschine bislang nicht herausfinden konnte, wie der jeweilige Name richtig lauten müsste (Hinweise dazu werden gerne entgegen genommen).

Und hier nun also der Bericht als PDF: Eine Ferienfahrt in die Schweiz im Jahr 1950

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