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Über Der Elevator

Markus Baumgart / Gölzstraße 22 / 72072 Tübingen / der.elevator (ät) freenet.de

Buchlounge_Death Lounge

In den Armen des Todes

Die nächste Buchlounge findet am kommenden Freitag, dem 3. April 2015 um 20:30 Uhr (Antiquariat geöffnet ab 20 Uhr) statt. Passend dazu, dass dies der diesjährige Karfreitag ist, geht es diesmal um den Tod, genauer um das Sprechen über den eigenen Tod. Die dahinterstehende Idee wurde ursprünglich von Bernard Crettaz mit den Café Mortels in der Schweiz begründet und von Jon Underwood in Form der Death Cafes nach England importiert, die sich dort zunehmenden Zulaufs erfreuen und weitere Nachahmer fanden. Ich selbst erfuhr darüber durch einen Zeitungsartikel – und habe mir die Idee umgehend für einen eher offenen Buchlounge-Termin vorgemerkt. Et voilà, da der kommende auf einen Feiertag, mit vermutlich eher begrenztem Besucherstrom, fällt, gehen wir’s an. Im Rahmen des Buchlounge-Büffets sollen ganz einfach eine gewisse Zeitlang der Tod und das eigene Sterben das Gesprächsthema sein, angeregt nur durch ein paar Leitfragen. Ich bin gespannt, wie sich das anlässt.

Damit wünsche ich allen, von denen ich vorerst nichts mehr höre, schöne Ostertage und -spaziergänge bei hoffentlich schönem Wetter. Und bitte achtet mir auf des Pudels Kern!

Druckversion der Einladung: Buchlounge_Death Lounge

Deutschlands Erregungsöffentlichkeit

(Parental Advisory: Folgender Text kann polemische Verkürzungen enthalten.)

Na, das war doch mal wieder mal wieder eine Steilvorlage für die deutsche Erregungsöffentlichkeit: die von Deutschlands Ober-Welterklärer Günther Jauch angezettelte „Stinkefinger-Affäre“. Als erstklassiger Gastgeber schiebt man mal eben dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, völlig respektlos, eine komplett aus dem Kontext gerissene, verkürzte Filmsequenz unter und will damit belegen, dass…äh, ja was eigentlich?

Diese Provokation ist so billig, dass man darüber lachen könnte – wäre sie ein Einzelfall und nicht eben genau dem Muster entsprechend, wie die Mainstream-Medien versuchen, die Alexis Tsipras-Regierung seit deren Wahlsieg als ein Haufen halbstarker, pubertierender Lümmel darzustellen. Und ganz in diesem Sinne stellt sich Deutschlands Über-Ökonom Wolfgang „Die Schwarze Null“ Schäuble permanent hin und schreit: „Ich bin Euer Vater! Und ich treibe Euch die Flausen schon noch aus! Und sei es dadurch, dass ich Euch das Taschengeld kürze!“ (Ich muss bei dem Begriff „Schwarze Null“ ja immer lächeln. So neu ist die ja gar nicht. Im Gegenteil, sie regiert seit nunmehr einigen Jahren dieses Land…) Warum nehmen sich eigentlich nicht ein paar seriöse Familientherapeuten diesen Kommunikationsstrukturen, die da zu beobachten sind, in einer fundierten Studie an? Das Ergebnis wäre sicherlich interessant zu lesen.

So, und dieser Yanis Varoufakis hat nun also angeblich Deutschland den Stinkefinger gezeigt. Also uns, dem Sommermärchen- und Copacabana-Weltmeister Deutschland mit dementsprechend breiter Nationalitätsstolzbrust. Bestimmt wollte dieser ungezogene Lausbub damit nebenbei höhnisch andeuten, dass Griechenland 2004 die Europameisterschaft gewonnen hat. Ha, nimm das, Varoufakis: Das war nur möglich wegen eines teutschen Trainers, Sucker!

Ach so, nee, der Stinkefinger war ja gar nicht echt. Also jedenfalls vielleicht nicht. – Alles egal, wenn er in Jauchs Wort zum Sonntag auftaucht, dann wird schon was dran sein. Und dann entblöden sich einige Journalisten tatsächlich nicht, anstatt über die Manipulationsmechanismen der Medien nachzudenken, Varoufakis indirekt den Rücktritt nahezulegen. Denn wenn der dann spontan – und mit einigem Recht, je nachdem, in welchem Sinne man diese Bemerkung deutet – anmerkt, es handle sich um eine Fälschung, wird gleich die ganz große Moralkeule rausgeholt: Eigentlich müsse er wissen, dass eine solche „Falschaussage“ schon so manchen Minister den Job gekostet habe usw. etc.

Und spätestens an dieser Stelle frage ich mich dann, woher diese große, breit angelegt Angst vor Tsipras und Varoufakis kommt. Mein Verdacht:

Erstens ein völliges Unverständnis darüber, dass es eine Regierung tatsächlich wagt, zu ihren Wahlversprechen zu stehen, im eigenen Land wieder eine Solidargemeinschaft zu verwirklichen. So etwas kennt man in Deutschland schließlich seit Jahren nicht mehr. Beliebte Argumentationsmuster dabei: „Griechenland widersetzt sich der Austeritätspolitik der Troika!“ Alleine diese Begrifflichkeit: alles so schön royal hier…* Übersetzt also: „Was quatscht Ihr hier von sozialer Katastrophe, die von uns vorgegebene Sparpolitik ist heilig und gottgegeben und dient alternativlos dem System.“ Alternativ dazu: „Griechenland endlich auf dem Boden der Tatschen angekommen!“ Übersetzt: „Gute Aussichten, dass weiter hemmungslos privatisiert werden kann, sei das ökonomisch auch noch so kurzsichtig gedacht und in der Summe unsinnig. Wenn interessiert’s? Kriegsgewinnler gab’s schon immer.“ Anders zu denken haben inzwischen offensichtlich viele schlichtweg verlernt.

Und zweitens die noch fundamentalere Angst, dass die neue griechische Regierung tatsächlich Erfolg haben könnte – und sich damit zeigen würde, dass es gar nicht notwendig ist, diese ganze unappetitliche, neoliberale Suppe, die uns da seit Jahren eingeflößt wird, zu schlucken. Diese Angst ist es ja auch, weshalb linke Bewegungen und alternative Denkmodelle in vielen Medien permanent und zunehmend diffamiert werden, als sei eine neue Morgenröte der McCarthy-Ära angebrochen. Es kann und darf eben einfach nicht sein, dass es Alternativen zum neoliberalen Kapitalismus geben könnte. Punkt.**

Parallel zu all dem erschien aktuell eine Untersuchung im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), das der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung angehört. Diese Studie mit dem Titel Greece: Solidarity and Adjustment in Times of Crisis zeigt auf, “wie Millionen Menschen in Griechenland durch eine überharte und sozial völlig unausgewogene Austeritätspolitik wirtschaftlich abgestürzt sind“ (Gustav A. Horn, wissenschaftlicher Direktor des IMK, zitiert nach dem Artikel „Schuldenkrise. So leiden die Griechen unter dem Sparkurs“ von Jakob Schulz, SZ-online vom 19. März 2015).

Und wo bitteschön bleibt hier nun der allgemeine Aufschrei in der Öffentlichkeit, im Sinne von allgemeingesellschaftlicher Solidarität? Ach, nein, die Erregungsöffentlichkeit hat ja genug damit zu tun, Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit zu schüren oder sich jüngst – völlig undifferenziert – über diese „Unmenge von Chaoten“ der Blockupy-Bewegung zu echauffieren, die da anscheinend völlig unbegründet in Frankfurt auftrat. 10.000 Polizisten können sich schließlich nicht irren! Und das dann oft auch noch mit einem derart verlogen-moralischen Impetus und „Die Linke muss zu ihrer Verantwortung stehen“-Fähnchen im Wind. Oh ja, würden nur alle so sehr zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stehen müssen, wie es die Linke es immer tun soll…

Manchmal wünsche ich der ganzen individuellen und medialen Erregungsöffentlichkeit, dass sie selbst so sehr auf den Hund kommt, dass sie Gras fressen muss. Am besten direkt von der Wiese. Dann nimmt sie dabei auch die ihr angemessene Körperhaltung ein.

Anmerkungen:
* Was wir als gesellschaftliche „Realität“ betrachten, ist per Definition ein Macht- und Besitzverhältnis. Der Begriff „real“ leitet sich nicht von dem lateinischen Begriff „res“ (Sache) ab, sondern vom spanischen „real“ (königlich, dem König gehörend, vgl. auch „royal“). Somit weist „gesellschaftliche Realität“ bereits auf ein Machtverhältnis hin und Begrifflichkeiten wie „real estate“ auf Besitzverhältnisse. Ähnlich verhält es sich mit dem englischen Begriff „Force“, in dem sich Stärke, Kraft und Macht mit Gewalt, Zwang und Druck verbinden und damit die physische Durchsetzung der Machtverhältnisse mit Gewalt (Gewaltmonopol des Staates). (Vgl.: Graeber, David: Direkte Aktion. Ein Handbuch, Hamburg 2013; S. 287)
** Ich bin auf dem Gebiet kein Experte, aber ich kenne Stimmen, die wohl mit einiger Berechtigung davon ausgehen, dass das Kubanische System hätte funktionieren können, wäre es nicht konsequent durch die amerikanische Handelsboykott-Politik ausgehebelt worden. Boykott bzw. auf der anderen Seite Inkorporation durch den Mainstream, mit dem Ziel der Entschärfung, sind bekanntlich Mechanismen, die jede alternative Subkultur stets zu spüren bekommt.

Buchlounge plus_Termine

Flyer_InformationsTanz_150314

Liebe Freundinnen und Freunde,

Markus „Red Ford“ Hoppe und ich haben beschlossen, den im Januar mit einem recht erfolgreichen Exotica-Termin gestarteten InformationsTanz! im Pausenhof (am Sternplatz) zu einer regelmäßigen Reihe auszubauen. Weiter geht es, im angestrebten zweimonatigen Rhythmus, am kommenden Samstag, dem 14. März 2015 mit einem Abend zum Thema Cocktail Nation und den vorhergehenden diversen sub- und popkulturellen Rückgriffen auf das Exotica-Genre. Mein Vortrag mit Musik beginnt gegen 21 Uhr, danach, ab ca. 22 Uhr, das gewohnte DJ-Programm von M&M bis die Polizei kommt (bislang eine 100 %ige Trefferquote, wir geben uns Mühe :-)).

Wer Lust auf Kunst, Antiquitäten und Bücher hat, dem sei am darauffolgenden Wochenende 21./22. März ein Besuch der Haaggasse empfohlen. Dort findet der jährliche Antikmarkt statt, auf dem ich selbst mit einem Antiquariatsstand in der unteren Hälfte der Gasse vertreten sein werde. Ich, wie auch die Kollegen, freuen sich über Euren Besuch an unseren Ständen!

Buchlounge_Der Ozean des Unbekannten

Der Ozean des Unbekannten

Ich freue mich, am Freitag, dem 6. März 2015 um 20:30 Uhr (Antiquariat geöffnet ab 20 Uhr) ein zweites Mal in der bisherigen Buchlounge-Historie Dr. Ulrich Stolte zu einem SciFi-Vortrag begrüßen zu dürfen. Diesmal nimmt er uns unter dem Titel „Der Ozean des Unbekannten“ mit auf eine Reise von Atlantis bis zur Raumpatrouille Orion. In seinem Vortrag präsentiert er Studien zur Wassermetaphorik bayrischer Fernsehserien im Spiegel antiker Mythologie, gelegentlich begleitet von Space-Hits auf Vinyl, aus der Zeit, als die Zukunft noch rosig war.
Warum starten Raumschiffe mit Dampfbügeleisen und Duscharmaturen, und warum liegt das Starlight-Casino auf dem Meeresboden? Der Redakteur und Philologe Dr. Stolte schildert die Geschichte der erfolgreichsten deutschen Fernsehserie „Raumpatrouille“, die beinahe die amerikanische Serie „Star Trek“ alias Raumschiff Enterprise entthront hätte. Er zeigt nicht nur, dass die Ursprünge der Serie bei Platon und den Utopisten der Aufklärung begannen und später in der Zeppelin-Fiktion des Deutschen Kaiserreiches fortgeführt wurde, sondern dass die Serie wichtige Grundlagen legte für Stanley Kubriks Film „2001“ und den darauf basierenden Science-Fiction-Schlager der letzten Kino-Saison: „Interstellar“.

Soviel zum stellaren Highlight des Monats März. Weitere Veranstaltungen folgen, zum Beispiel ein zweiter InformationsTanz! im Pausenhof am 14. März (vormerken!), der Antikmarkt in der Haaggasse etc. In einem zeitnahen Newsletter werde ich darüber genauer Auskunft geben.

Druckversion der Einladung: Buchlounge_Der Ozean des Unbekannten

5-Minuten-Benefiz-Lounge

Titelbild_5MBL

Liebe Freundinnen und Freunde,

die Assoziationen zum Thema Flucht sind so mannigfaltig wie die Hintergründe der Flüchtlinge selbst. Die „5-Minuten-Benefiz-Lounge“, die am Freitag, dem 20. Februar 2015 im Club Voltaire stattfindet (Einlass ab 19 Uhr, Beginn der Veranstaltung 20 Uhr c.t.), setzt auf individuelle Hilfe und investiert das eingenommene Geld in Arbeits- und Bildungsprogramme des Asylzentrum Tübingen e.V. In diesen werden zum Beispiel mitgebrachte Dokumente zu Ausbildungs-Qualifikationen übersetzt oder es wird beratende und finanzielle Unterstützung bereitgestellt, die Flüchtlingen den Besuch von zertifizierten Deutschkursen ermöglicht. Durch den persönlichen Kontakt zum Asylzentrum ist sichergestellt, dass das Geld an der richtigen Stelle eingesetzt wird.

Den Namen verdankt die 5-Minuten-Benefiz-Lounge der Idee dahinter. Im Zuge von 5-Minuten-Beiträgen werden unterschiedlichste Themengebiete von unterschiedlichen Gastrednern dargeboten. Handfeste Themen wechseln sich dabei mit spielerischen Inhalten ab. In freundlicher Atmosphäre, bei leichtem Essen, einem Glas Wein und Musik, kann im Anschluss der Kernveranstaltung auf die Beitragenden zugegangen werden, um das ein oder andere Thema individuell zu diskutieren.

Wir – Sandra Briehl und Markus Baumgart – haben uns bewusst für diese Veranstaltungsform entschieden, die mit der Flüchtlingsproblematik thematisch freilich nur ganz lose verbunden ist. Zu diesem Thema gibt es gewiss bessere Experten als uns, weshalb wir uns entschlossen haben, das zu tun, was wir gut können: Ein ganz allgemeines, positives Zeichen gegen die momentan aufkeimenden, fremdenfeindlichen Tendenzen zu setzen – indem wir einen angenehmen und freundschaftlichen gemeinsamen Abend organisieren, dessen Einnahmen einem integrativen Zweck zugute kommen.

Der Eintritt ist frei, Spendenkassen stehen bereit. Der Club Voltaire stellt den Raum dankenswerterweise kostenlos zur Verfügung, kümmert sich um den Getränkeausschank und beteiligt sich darüber hinaus mit einer Spende an dem Projekt.

Ob im Gespräch, in der Musik oder in die eigenen Gedanken vertieft, genießt einen angenehmen Abend der Begegnung – für einen guten Zweck!

Beste Grüße, wir freuen uns auf Euch
Sandra & Markus

Veranstaltungsplakat hier: Plakat_5MBL
Dank an Janosch Geiger für die Bereitstellung der Fotografie.

Und hier noch zwei weitere Veranstaltungshinweise:
Diesen Sonntag, den 15. Februar eröffnet Ava Smitmans um 11 Uhr ihre Kabinett-Ausstellung „Böblingen“ im Böblinger Kunstverein. Ich freue mich sehr darüber, meine alte Heimat nochmals neu aus Avas Sicht entdecken zu dürfen!
Und am Mittwoch, den 25. Februar führe ich um 19 Uhr im Künstlerbund Tübingen das Künstlergespräch mit Gerhard W. Feuchter im Rahmen dessen aktueller Ausstellung „Kafka x 3“. Ich hatte ja bereits das Vergnügen, die Einführung dazu halten zu können (der entsprechende Text ist inzwischen im „Bücherregal“ zu finden). Hier nun also eine weitere Gelegenheit, sich Gerhards Bildfindungen zu Kafka, im Dialog mit dem Künstler selbst, anzunähern.

Versuch einer erbaulichen Annäherung an Franz K.

Kafka

Am gestrigen Samstag hatte ich das Vergnügen, die Einführung zu Gerhard W. Feuchters aktueller Kafka-Ausstellung im Künstlerbund Tübingen zu halten. Und da der Text, soweit ich das aus den Rückmeldungen und meinem eigenen Gefühl heraus sagen darf, durchaus gelungen ist, stelle ich ihn hiermit ins Bücherregal: Kafka x 3

Was mir die Gelegenheit gibt, zudem zu notieren, zu welch grandios kafkaeskem Moment es während der Vernissage kam: Eine Leuchtröhre war ausgefallen. Wir haben ein bisschen an der Halterung rumgepfriemelt, nichts ging. Irgendwann ging die Lampe plötzlich doch an, brummte aber. Also wurde sie vorerst ausgeschaltet und erst nach dem Textteil wieder an – wobei sie nun nicht mehr brummte. Bis dann allerdings eine Sicherung rausflog und im ganzen Raum das Licht aus ging. Sicherung rein, Beleuchtung an. Als nächstes gab es einen lauten Knall, worauf die Sicherung erneut rausflog. Sicherung rein, ein weiterer Knall – und besagter Lampe entschweifte eine kleine, graue, verschmort riechende Rauchwolke, als es wäre es Kafkas düsterer Geist. Ja, leg Dich besser nicht mit Kafka an!

Zu später Stunde saß ich zu Hause und dachte nochmals ein bisschen über Kafka und die Verwandlung nach. Und da fiel mir mit einem Schlag diese abschließende Pointe auf: „Franz“ und „Gregor“ – geschenkt. Aber nun nimm den Kafka, tausch „k“ mit „s“, dann „f“ mit „m“ und Du erhältst: Kafka – Safsa – Samsa. Gregor Samsa.

Ich gehe mal davon aus, dass das in irgendeinem literaturwissenschaftlichen Kontext bereits althergebrachtes Gemeinwissen ist. Aber als es mir heute Nacht, im Nachklang des Tages, plötzlich wie eine Leuchtreklame vor den Augen aufblitzte, da fiel ich vor Lachen fast vom Sessel, schmiss ein Glas an die Wand (na ja, eigentlich nur eine leere Zigarillo-Schachtel in Richtung Küchenspüle) und dachte dabei: „Samsa Kafka, du verdammter Witzbold, irgendwie machst Du Dich doch über uns alle lustig…“ Und wenn dieser bescheuerte Franz K. in dem Moment hier neben mir auf dem Sofa gesessen hätte, ich schwöre, er hätte mir im Gelächter aufbrüllend auf die Schulter gehauen und nur gesagt: „Na, Alder, alles klar!?“

Buchlounge_Heimat/Keine Heimat

Heimat

Ich hoffe, Ihr seid gut ins neue Jahr gestartet und habt nun Lust, auch ins neue Buchlounge-Jahr zu starten. Das diesmal mit einem thematisch komplementären Doppeltermin startet:

Wir beginnen am Freitag, dem 6. Februar 2015 um 20:30 Uhr (geöffnet ab 20 Uhr) mit einem ganz regulären Buchlounge-Termin zum weiten Feld Heimat. Beiträge jeder Art dazu sind herzlich willkommen, der Phantasie seien keinerlei Grenzen gesetzt. Bringt einfach eine Idee, Geschichte, Anekdote, ein Gedicht, Lied, was immer Ihr wollt mit und setzt Euch auf die Bühne und ins dortige, wie Ihr wisst sehr moderate, Scheinwerferlicht! Einen etwas ausführlicheren Beitrag zu Hesse in Tübingen hat dankenswerterweise Angelika Stroppa angekündigt. Und selbstverständlich steht meinerseits ein eher assoziativer Beitrag mit Musik ebenfalls fest.

Dem folgt, auf Initiative von Sandra Briehl, eine 5-Minuten-Benefiz-Lounge am Freitag, dem 20. Februar 2015, ab 19 Uhr im Club Voltaire, in der wir das Thema komplementär aufgreifen. Nicht wirklich inhaltlich, aber in Form einer Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten von Arbeits- und Bildungsprogrammen des Asylzentrum Tübingen e.V.
Den Namen verdankt die 5-Minuten-Benefiz-Lounge der Idee dahinter: Im Zuge von 5-Minuten-Beiträgen werden unterschiedlichste Themengebiete von unterschiedlichen Gastrednern dargeboten. In freundlicher Atmosphäre, bei leichtem Essen, einem Glas Wein und Musik, kann im Anschluss der Kernveranstaltung auf die Beitragenden zugegangen werden, um das ein oder andere Thema individuell zu diskutieren.
Der Eintritt ist frei, Spendenkassen stehen bereit. Kommt vorbei und, ob im Gespräch, in der Musik oder in die eigenen Gedanken vertieft, genießt einen angenehmen Abend der Begegnung – für einen guten Zweck!

Und als abschließender Hinweis: Diesen Samstag um 11 Uhr wird im Künstlerbund Tübingen die Ausstellung „Kafka x 3“ von Gerhard W. Feuchter eröffnet, zu der die Einführung zu halten ich eingeladen wurde (Einladung Kafka x 3). Nicht nur deshalb, sondern grundsätzlich eine schöne Veranstaltung, um ins Wochenende zu starten!

Druckversion der Einladung: Buchlounge_Heimat_Keine Heimat

If I were a song

Brent Cash_How Strange It SeemsBrentCash_How Will I Know

Wäre ich ein Lied, dann sehr gerne eines auf einem Album von Brent Cash aus Athens, Giorgia. Nicht nur wüsste ich mich dort in allerbester Gesellschaft, ich würde auch auf dem großartigen Hamburger Label Marina Records von Frank Lähnemann und Stefan Kassel erscheinen sowie in einem von letzterem stilsicher gestaltete Cover stecken.

Brent Cash veröffentlichte dort bislang die beiden Alben „How Will I Know I’m Awake“ (2008) und „How Strange It Seems“ (2011) – und insbesondere letzteres ist wie dazu geschaffen, einen über die trübe Winterzeit in den Frühling hinüberzuretten. Kann man doch die Musik von Brent Cash unter das aparte Genre „Sunshine Pop“ subsumieren, das ursprünglich für amerikanische Musik der 1960er und 70er erfunden wurde, die ganz besonders sonnig und blumig daherkommt.

Und das beeindruckende an Brent Cash selbst: Über den Erfolg seiner Musik stellt er seine absolute Unabhängigkeit in den Produktionsmitteln – und veröffentlicht sie eben lieber auf einem liebevoll gepflegten, idealistischen und individualistischen Label, als sich einem großen Musikkonzern anzudienen. Dazu bemerkte er einmal, „dass ihm kommerzieller Erfolg nicht besonders wichtig sei. Er habe einen richtigen Job, und die Musik sei sein luxuriöses Hobby. ‚Sie macht mich glücklich.‘“* An diesem Glück teilzuhaben, lädt er uns mit seinen Alben ein.

„How Strange It Seems“ beginnt mit einer Trinität von Songs, die eine perfekte Pop-Single abgäben (und hätte ich ein paar Euro übrig, würde ich persönlich sie finanzieren wollen – vielleicht starte ich dazu ja noch eine kleine Crowdfunding-Initiative…).

Auf der A-Seite wäre „I Wish I Were A Song“, mit einem Intro, das an einen 1960er-Film-Soundtrack erinnert; dann ein paar ruhige Klavieranschläge, bevor das Lied nach und nach in voller Pop-Blüte aufbricht, mit einer opulenten Instrumentierung, die so manchem lächelnden Beach-Boy-Klassiker die Hand reicht, inklusive Surf‘s-Up-Elephant-Brass.

Auf der B-Seite zuerst das Stück „It’s Easier Without Her“, das sich in den Top-10-Himmel aller jemals erschienenen Songs über das alte Frau-Mann-Beziehungsspiel aufschwingt, getragen von Damenchor, Harpsichord und Trompete. Und den Abschluss bildete das instrumentale „I Can’t Love You Anymore Than I Do“, das jedem Retro-Spy-Movie als Titelsong zur Ehre gereichen würde und einen in 2:42 Minuten auf eine kleine musikalische Reise rund um die Welt mitnimmt.

Und so geht es weiter mit einer Kette brillanter Songs, bis hin zu „Don’t Turn Your Back On The Stars“ und der Mini-Oper „I Just Can’t Look Away“, die ein bisschen daherkommen, als spielten, sagen wir: die White-Album-Beatles Wagner und würden dann wiederum gecovert von Laibach.

Und das ganze Album endet, nach einem kurzen Epilog, mit einem sehr charmanten

„Plong“.

* Zitat: Christoph Dallach: „Geheimtipp Brent Cash. Ein luxuriöses Hobby namens Sunshine-Pop“, Spiegel Online, 03. Juni 2011; auch zu finden auf Brent Cashs eigener Webseite.

Die Würde des Menschen…

Die zweifelhafte Wuerde

Liebe Kinder,

es gab einmal eine Zeit, da galt Menschenwürde als ein Grundrecht. Und das galt für alle Menschen, ausnahmslos. Da verstand man die Gesellschaft als eine Solidargemeinschaft miteinander verbundener Menschen. Und die Politik hatte dafür zu sorgen, dass das gemeinsame Zusammenleben in diesem Sinne geregelt wurde.

Menschen, die ihre Arbeit, ihre Heimat, ihren Halt verloren hatten, galt weitgehend Mitleid für ihre zumeist unverschuldete, momentane Lebenssituation. Eben deshalb verstand man sie weiterhin als Teil dieser Solidargemeinschaft. Und man ließ ihnen ganz selbstverständlich die Hilfe zufließen, die notwendig war, um ihnen an erster Stelle eine weiterhin würdige Existenz zu ermöglichen, sie darüber hinaus jedoch langfristig wieder wirklich in die Alltagsstruktur der Gesellschaft einzugliedern. Dies zu regeln gab es Behörden, die als Mittel zum Zweck des Gemeinschaftswesens verstanden wurden. In diesem Sinne waren sie respektabel.

Und man sprach davon, dass man zwischenmenschliche Beziehungen „pflege“. Ja, so sagte man. Und meinte damit, dass solche Beziehungen es wert seien, achtsam behandelt zu werden. Man versuchte einen würdevollen Umgang unter- und miteinander zu pflegen. Von Angesicht zu Angesicht, von Gleich zu Gleich, oft im Gespräch, also im direkten Kontakt und in gegenseitiger Er-Kenntnis. Daraus entstand dann gegenseitiger Respekt.

Und, liebe Kinder, es gibt tatsächlich noch immer Menschen, die haben den Traum, dass den Menschen, allen Menschen diese respektvolle Würde zurückgegeben wird. Vor allem denen, die sich selbst maßlos entwürdigen, indem sie aus einer privilegierten Situation heraus gegen die treten, die sich in einer menschlichen Notlage befinden.

Euer Märchenonkel

Hinneigung zur Wuerde

Charlie Hebdo

Malewitsch_Das schwarze KreuzSelbstverständlich macht auch mich der Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ betroffen: als Kulturschaffenden der Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit, als Pazifisten der kaltblütige Mord. Nun, das ist die bittere Wirklichkeit.

Darüber hinaus sind es allerdings vor allem zwei Dinge, die ich in dem Zusammenhang als besonders bedrückend empfinde: Zum einen freilich, dass nun wieder all die üblichen Idioten ihr Gut-Böse-Weltbild bestätigt zu sehen meinen. Zum anderen der Gedanke, dass der Anschlag wiederum nichts anderes ist als Ausdruck eines Kampfes von Fanatikern gegen Fanatiker, der lückenlos der althergebrachten und falschen Systematik kulturell-politischen Denkens entspringt. Was ich wohl näher erklären muss.

Auch als Verteidiger jeder Meinungsfreiheit war ich nie ein Freund von jedwelchen Mohammed-Karikaturen. Zumindest wenn sie von sei es christlicher, sei es atheistischer Seite kommen. Politisch mögen sie in mancher Hinsicht ihre Berechtigung haben. Dennoch drückt sich darin eben auch die Missachtung einer anderen Kultur aus, die wie im Islam nun mal unter anderem ein Bilderverbot kennt. Und zwar von einer Seite aus, die diesem Glaubens- und Gedankensystem im Grunde nicht verbunden ist (im Gegensatz z.B. zu den Papst-Satiren der „Titanic“, die damit kulturintern agiert). Womit man also von Kulturimperialismus sprechen könnte. Womit mir das Beharren darauf, eben genau daran die Meinungsfreiheit festzumachen, doch ein gutes Stück weit befremdlich erscheint. Für mich steckt dahinter eine gewisse besserwisserische Arroganz. Und damit ein sich aufklärerisch gebärdender Rassismus. Ist die Frage doch, wie weit man eine ganze Kultur diffamieren darf, nur um ein paar idiotische Fanatiker zu treffen? Und wo ist dabei die Grenze zu einem eigenen, überheblichen Fanatismus bzw. zu eigenem totalitären Denken? Und so wird dann ganz schnell mal wieder der „Kampf der Kulturen“ ausgerufen.

Womit wieder der erste Punkt ins Spiel kommt: Wäre es nicht endlich an der Zeit, grundsätzlich dieses System von Gut/Böse, Richtig/Falsch, Schwarz/Weiß aufzubrechen? Das System von „einen Standpunkt haben“ und zu glauben, von dort aus meinen zu können, gar zu wissen, was „wirklich richtig“ ist? Anstatt andere Meinungen, Lebensweisen und andere kulturelle Verhaltensweisen pluralistisch zu tolerieren? (Und, nein, das schließt Mord als Verhaltensweise keinesfalls mit ein, weil Mord nur ein Ausdruck totalitären Denkens in seiner radikalisierten Form ist. Im Übrigen insbesondere auch, wenn er von Staatsseite aus, gegebenenfalls per ferngesteuerter Drone, also in völlig abstrahierter Form, gegenüber möglicherweise andersdenkenden Menschen verübt wird.) Also zuzugeben, dass die eigene Meinung eben auch nur relativ ist, gesellschaftlich, historisch etc. geprägt?

Ja, genau diese Diskussion im Sinne eines wahrhaftig und grundsätzlich humanistischen Denkens würde ich mir nun wünschen.

Markus